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JOURNALISM - Bautechnik - construction technology


Les Halles © Franck Badaire
BAUEN - Bauwerk mit Rückgrat - Forum Les Halles, Paris/FR, Patrick Berger et Jacques Anziutti Architectes
Das Forum Les Halles und der Umsteigebahnhof Châtelet – Les Halles sind per Definition ein kontroversielles Projekt. Das erklärt sich aus einer Vielzahl von Faktoren, zu denen unter anderem seine Schlüsselposition im Herzen der Pariser Innenstadt, seine symbolische und geschichtliche Bedeutung und seine verkehrsinfrastrukturelle Funktion als größter Bahnhof Frankreichs und Europas gehören. [...]



Baustelle ENSAN © Dietrich | Untertrifaller Architekten
BAUEN - Zwei ungleiche Geschwister - Kunsthochschule Nancy, Frankreich/FR, Dietrich | Untertrifaller Architekten und Atelier d’Architecture Christian Zoméno
2010 konnten Dietrich | Untertrifaller Architekten zusammen mit Atelier d’Architecture Christian Zoméno den zweistufigen anonymen Wettbewerb für die neue Kunsthochschule von Nancy für sich entscheiden. Die École Nationale Supérieure d’Art de Nancy (Ensan) ist Teil des Universitätscampus Artem. [...]







Fondation Louis Vuitton © Philippe Bompas

BAUTECHNIK - Fondation Louis Vuitton, Paris/FR, Gehry Partners LLP
Das Gebäude der Fondation Louis Vuitton pour la création ist das bisher komplexeste Projekt von Gehry und Partners. Die Komplexität betrifft sprichwörtlich alle Teile und Aspekte des Gebäudes, vor allem aber den Entwurf und die Realisierung der beeindruckenden Glassegel, die das eigentliche Ausstellungsgebäude umhüllen. [...]




Baustelle © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra
BAUEN - In den Grund gesetzt - Erweiterung und Renovierung Mauritshuis, Den Haag/NL, Hans van Heeswijk Architecten
Die Wiedereröffnung des Mauritshuis in Den Haag, eines der bekanntesten Museen der Niederlande und Heimat von Vermeers Meisterwerk „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge", ist nach einer umfassenden Erweiterung und Renovierung nach den Plänen des Amsterdamer Architekten Hans van Heeswijk für den 27. Juni 2014 geplant. [...]




Kees van Casteren © Michael Koller
INTERVIEW - Kees van Casteren, OMA, Rotterdam/NL
OMA wollten ein einheitliches Fassadenprinzip, das bei allen drei Programmen (Wohnen, Büros, Hotel) funktioniert. Sie sind davon überzeugt, dass nur eine neutrale, zeitlose Fassade, die die Vertikalität betont, die Masse des Komplexes optisch auflösen kann. [...]









Baustelle Steg Mont St.-Michel © DFA

BAUEN - Passerelle zum Mont Saint-Michel/FR, Dietmar Feichtinger Architectes (DFA)

Der Mont Saint-Michel gehört seit 1979 zum Unesco-Weltkulturerbe. Er ist ein Touristenmagnet und wird jährlich von etwa 3,5 Millionen Menschen besucht. Außerdem ist er seit 1998 auch Teil des Welterbes „Jakobsweg" in Frankreich. 2001 schrieb die französische Regierung einen Wettbewerb zur Schaffung einer neuen Verbindung zwischen dem Festland und dem Berg aus. [...]




HBF Wien © Renee-del-Missier
BAUTECHNIK - Dachkonstruktion für den neuen Hauptbahnhof Wien/AT, Theo Hotz, Ernst Hoffmann, Albert Wimmer
Der Neubau eines Bahnhofs in einer historisch gewachsenen Stadt ist in Europa eher eine Seltenheit und – wie man schon in Berlin und Stuttgart miterleben konnte – von heißen Diskussionen über Sinn und Notwendigkeit begleitet. [...]




De Rotterdam © OMA
BAUEN – Hochhauskomplex "De Rotterdam", Rotterdam/NL, Office for Metropolitan Architecture - OMA
Im „Manhattan an der Maas“, wie Stadtplaner, Politiker und Architekten eine Landzunge jenseits des Rotterdamer Stadtzentrums selbstsicher und optimistisch nennen, wurde am 15. November vergangenen Jahres die Erreichung des höchsten Punktes des Hochhauskomplexes De Rotterdam gefeiert. [...]




FORUM 11/2015 - BAUEN - LES HALLES, Paris/FR


Visualisierung des Patio Les Halles. © L'Autre Image

Bauwerk mit Rückgrat - 
Forum Les Halles, Paris, Frankreich
Das Forum Les Halles und der Umsteigebahnhof Châtelet – Les Halles sind per Definition ein kontroversielles Projekt. Das erklärt sich aus einer Vielzahl von Faktoren, zu denen unter anderem seine Schlüsselposition im Herzen der Pariser Innenstadt, seine symbolische und geschichtliche Bedeutung und seine verkehrsinfrastrukturelle Funktion als größter Bahnhof Frankreichs und Europas gehören.

TEXT MICHAEL KOLLER

Nicht zuletzt führt sein negatives Image der vergangenen Jahre, aber auch seine Bedeutung im Stadtviertel und generell als eines der größten innerstädtischen Einkaufs- und Freizeitzentren zu hitzigen Diskussionen. 2004 hatte die Stadt Paris einen geladenen städtebaulichen Ideenwettbewerb für den Umbau und die Neugestaltung des zirka zehn Hektar großen Grundstücks zwischen Rue Rambuteau, Rue Pierre Lescot, Rue Berger und Rue du Louvre ausgeschrieben, bei dem Projekte von OMA, MVRDV oder auch Jean Nouvel für Aufmerksamkeit sorgten. Die Jury entschied sich letztlich für den Entwurf von Architekt und Städteplaner David Mangin von Seura Architectes, der in seinem Vorschlag eine deutliche bauliche Trennung zwischen dem Park auf der Westseite und dem Forum Les Halles auf der Ostseite vorsah. Auf der Basis dieses Entwurfs wurden 2007 Wettbewerbe für die Neugestaltung des Nelson-Mandela-Parks einerseits und des Forum-Gebäudes andererseits ausgelobt. Die Sanierung und Erweiterung des Umsteigebahnhofs Châtelet – Les Halles war schließlich 2008 Teil eines Projekts der RATP, dem
Betreiber des öffentlichen Nahverkehrsnetzes. Patrick Berger und Jacques Anziutti konnten sich mit dem bescheidenen, gefühlvollen und sehr funktionellen Projekt „La Canopée“ gegen ihre internationale Konkurrenz durchsetzen und gingen als Sieger zur Neugestaltung des Forums und des unterirdischen S-Bahnhofs hervor.

Die Baustelle mit dem Centre Pompidou im Hintergrund. © Franck Badaire

GRUNDLEGEND NEU
Die Veränderungen im Projekt von Patrick Berger und Jacques Anziutti beschränken sich nicht nur auf die neuen Gebäude und die Vergrößerung der Geschäfts- und Verkehrsflächen. Mit der Neugestaltung der Bauwerke wurden vor allem auch die Hauptzugänge zu den Verkehrsplattformen neu organisiert. Diese wurden von der ostseitigen Rue Pierre Lescot (Porte Lescot) zur Parkseite hin verlegt. Kommt man heute von Osten, aus der Richtung, in der auch das Centre Pompidou liegt, und tritt unter die Glasüberdachung des Hofs, der durch die beiden peripheren Gebäude gebildet wird, gelangt man auf eine Art Aussichtsplattform, einen halb überdachten Balkon, von dem aus man die Geschäftszonen auf Straßenniveau (insgesamt über 10.000 m²) links und rechts überblickt und der einen Blick in die Tiefe, in den rundum verglasten Patio und die dahinterliegenden Geschäftszonen der drei Untergeschoße erlaubt.
In den darüber liegenden zwei Geschoßen wird ein Kulturzentrum samt Konservatorium mit rund 2.600 m², Sendestudios mit 600 m2, öffentlich zugängliche Tanz- und Musikübungsräume und ein Kulturzentrum für Schwerhörige und Gehörlose mit 1.500 m² sowie ein Hip-Hop-Zentrum mit 1.400 m² und nicht zuletzt eine Bibliothek mit 1.200 m² eingerichtet.


Längsschnitt. © Patrick Berger et Jacques Anziutti Architectes

Durch das Freimachen des Osteingangs, die abgerundeten Fassaden der beiden flankierenden Gebäude und die Form der Dachrippen wollten die Architekten ganz bewusst den Blick der Passanten auf die neugestaltete Parklandschaft im Westen und auf das alte Börsengebäude aus dem Jahr 1886 lenken. So wird die Ost-West-Achse erneut betont und die gesamte Umgebung aufgewertet. Durch die parkseitig gelegten Zugänge zu den Verkehrsplattformen öffnet sich dem aus dem Patio nach oben kommenden Passanten sukzessive der Blick auf den von Seura Architectes und dem Landschaftsplaner Philippe Raguin neu gestalteten und 4,3 Hektar großen Nelson-Mandela-Park.

 Das Ensemble besteht aus drei, tragwerkstechnisch voneinander unabhängigen Baukörpern. © Franck Badaire

ROBUSTES TRAGWERK
Die drei tragwerkstechnisch voneinander unabhängigen Baukörper lagern auf den insgesamt 72 bereits existierenden und in einem Raster von 11 x 16 Meter angeordneten Stützen auf. Zwölf davon mussten zur Aufnahme der Lasten aus dem U-förmigen Kastenbalken entscheidend verstärkt werden.
Der massive, aus 100 Millimeter dicken Stahlblechen bestehende Balken mit einer Höhe von 1.500 Millimetern und einer Breite von 3.500 Millimetern nimmt alle Lasten und Momente aus den 15 fischbauchartigen Stahlträgern der zentralen Überdachung und aus den Kragträgern des kleinen Vordachs auf. Diese Dachrippen mit ihren geschwungenen Flügeln berühren sich nicht, überlappen sich aber gegenseitig, sodass die Plaza vor Regen und direkter Sonneneinstrahlung geschützt wird. Die Konstruktion erlaubt außerdem eine natürliche Entlüftung und Entrauchung im Brandfall. Die Gestalt der Flügel wurde anhand von hunderten von Patrick Berger angefertigten Skizzen und mittels 3-D-Studien und physischen Modellen erarbeitet und getestet und so Schritt für Schritt bis zu ihrer definitiven Form verfeinert.


Montage des U-förmigen Kastenbalken. © Franck Badaire

Die Stahlrippen sind großformatige, schrägstehende Lamellen, die wiederum aus den Hauptträgern und den querlaufenden Finnen bestehen, an denen die Glasplatten befestigt sind. Untereinander werden diese aufgrund der Windlasten nach Osten flacher werdenden Lamellen durch Druck- und Zugstäbe verbunden und gegen Kippen ausgesteift. Das kleine Vordach über der Porte Lescot besteht aus Kragarmen, die im rechten Winkel an der Schmalseite des U-förmigen Balkens festgeschweißt wurden.

TRANSLUZENTE HÜLLE
Das Dach mit seinen ockerfarbenen, zirka 170 x 95 Zentimeter großen Glasplatten und die straßenseitigen Fassaden bilden eine einheitliche, durchlaufende Hülle, die sich wie ein halb transparentes Tuch über das Ensemble legt und in einem Vordach über den 4,5 Meter hohen Schaufenstern des Erdgeschoßes endet.
Um die seitlichen Eingänge zu den Zügen zu markieren, schlagen die Vordächer eine Welle. Die Monumentalität und Größe des Bauwerks wird nur aus der Luft ersichtlich, wodurch es zu einem Ankerpunkt im dichten Pariser Gebäudenetz werden wird. Durch das straßenseitig hinabgezogene, schuppenartige Dach wird dem Komplex auf Straßenhöhe seine Masse genommen. Außerdem fungieren diese Lamellen entlang der ost- und südseitig verlaufenden Straßen als Sonnen- und Sichtschutz der dahinterliegenden, gänzlich verglasten Räume. Auch das Abrunden der hofseitigen, vertikalen Glasfassaden führt zu einer visuellen Verkleinerung der beiden Flügelbauten, von denen der nordseitige größer ausgeführt wurde.


Die patioseitigen Glasfassaden der Obergeschosse der Flügelbauten. © Franck Badaire

Der strenge gleichmäßige Abstand der vertikalen Fensterpfosten sorgt für die notwendige optische Ruhe und Stabilität angesichts hunderter Passanten, die in Zukunft über die Plaza flanieren werden. Als Blickfang wurde die zentrale Regenrinne, die das Regenwasser aller Rippen sammelt, so ausgeformt, dass das Regenwasser in einem Wasserfall zu Boden strömt und als Bach in den Patio fließt.
Das Forum mit den darunterliegenden Bahnsteigen bildet Zentrum und Drehscheibe einer Vielzahl unterirdischer Gänge und Fußgängertunnels, die sich wie Tentakel in die Straßen der umliegenden Viertel ausbreiten. Die Fußgängertunnel führen zu den verschiedenen, oft hunderte Meter entfernt gelegenen Seiteneingängen, von denen der neue Zugang am Place Marguerite de Navarre ebenfalls von Patrick Berger und Jacques Anziutti entworfen wurde. Neben der Neugestaltung des Forums erhielten die Architekten auch den Auftrag, die gesamten Bahnsteige und deren Orientierungssysteme zu sanieren und neu zu gestalten.
Im Unterschied zum ehemaligen Gebäude von Claude Vasconi und Georges Pencreach von 1979 haben Patrick Berger und Jacques Anziutti ein klar ausgerichtetes Ensemble mit einer Außen- und einer Innenseite, einer Straßen- und einer Parkseite sowie einer geschlossenen Ost- und einer weit geöffneten Westseite geschaffen, was die Orientierung für die Passanten in Zukunft wesentlich verbessern und damit das Image des Orts stark aufwerten sollte.

Die fischbauchartigen Stahlträgern, die das „La Canopée“ bilden. © Franck Badaire
INTERVIEW
NACHGEFRAGT BEI PATRICK BERGER

Was ist Les Halles für Sie? Bahnhof, Einkaufszentrum, Park oder Kulturzentrum?
Patrick Berger: Für mich ist es schlicht ein Tor nach Paris. Auch der ursprüngliche Markt entstand hier, weil sich hier einst der Hafen der Stadt befand. Les Halles ist natürlich alles zusammen und darum auch einer der interessantesten Ankunftsorte in Paris, weil die Überlagerung all dieser Funktionen sicherlich ein Charakteristikum der Stadt ist.

Form, Größe und Materialität des Bauwerks, so wie es von Ihnen entworfen wurde und wie es in seiner Umgebung liegt, scheinen völlig natürlich, sowohl von außen als auch von innen. Wie kam es zu dieser Form?
Das Gebäude hat sich aus materiellen und immateriellen Einflüssen ergeben. Zu den materiellen Einflüssen zähle ich Parameter wie statische oder verkehrstechnische Anforderungen oder auch programmatische Erwartungen. Zu den immateriellen Einflüssen gehören Sonne und Wind, die Lichtreflexionen auf den einzelnen Bauteilen, aber auch die Proportionen des Gebäudes im Verhältnis zu seiner Umgebung, die Wünsche und Erwartungen der Anrainer, usw.

Paris ist bekannt für die Überlagerung, Schichtung und Kreuzung verschiedenster Funktionen, sowohl unterirdisch als auch oberirdisch, ein Bild, das man von utopischen Stadtentwürfen her kennt. Ist Les Halles die Realisierung einer städtebaulichen Utopie?
Das würde ich so nicht sagen. Allerdings ist es tatsächlich so, dass das Gebäude einen Schnitt durch den Grund gleicht. Durch den großen verglasten Patio können Reisende auf dem Weg zu den Verkehrsplattformen beziehungsweise die Käufer in den Galerien die Schichtung und Überlagerungen gut sehen und sich deren Existenz bewusst werden. Durch die Neuorganisation der Eingänge zur Metro und zu den Zuglinien unter dem Flügel wird das Auf- beziehungsweise Abtauchen in den Untergrund auch gefühlsmäßig und visuell sehr deutlich.

Sicht auf die mit Glasplatten bedeckten und geschwungenen Dachrippen. © Franck Badaire

PROJEKTDATEN
LA CANOPÉE
Bauherr: Ville de Paris (www.paris.fr)
Architekten: Patrick Berger (Entwurf) et Jacques Anziutti Architectes, Paris (berger-anziutti.com)
Assistent: Mathieu Mercuriali
Landschaftsarchitekt: Seura, David Mangin (www.seura.fr)
Tragwerksplaner und Haustechnik: Ingérop (www.ingerop.fr)
Fassadenplaner: Arcora (www.arcora.com), Emmer Pfenninger Partner AG (www.eppag.ch)
Akustikplaner: ACV (www.acv-acoustique.fr)
Lichtplaner: Ingélux (www.ingelux.com)
Brandschutzberater: Vulcanéo (www.vulcaneo.fr)

VERKEHRSKNOTENPUNKT CHÂTELET – LES HALLES
Bauherr: RATP (www.ratp.fr)
Architekten: Patrick Berger (Entwurf) und Jacques Anziutti Architectes
Tragwerksplaner: Ingérop mit Muttoni et Fernandez (www.mfic.ch)
Akustikplaner: ACV (www.acv-acoustique.fr)
Lichtplaner: Ingélux (www.ingelux.com)
Fahrgastleitsystem: Attoma (www.attoma.eu)
Haustechnik: RATP (www.ratp.fr)

Modell mit dem unterirdischen Fußgängertunnel zum Place Marguerite de Navarre. © Patrick Berger et Jacques Anziutti Architectes

ECKDATEN FORUM LES HALLES
Einkaufszentrum: 170 Geschäfte, 26 Kinosäle, 150.000 Kunden im Forum / Tag, 40 Mio. Besucher / Jahr
Flächen:
Grundfläche: 125 m x 145 m (Diagonale: 190 m)
Nutzfläche: 13.500 m²
Gesamtnettofläche: 21.600 m²
Dachfläche: 17.000 m²
Höhe: 14,5 m
Fassadenfläche: 25.000 m²
Konstruktion:
Freie Trägerspannweite Dachkonstruktion Westseite (Parkseite): 90 m
Freie Trägerspannweite Dachkonstruktion Ostseite (Porte Lescot): 25 m
Auflagerpunkte: 12 Stück
Auflagerpunkte Gesamtprojekt: 72 Stück
Stützenraster: 11 m x 16 m
Anzahl der Glasplatten: rund 18.000 Stück
Größe der Glasplatten: ca. 170 X 95 cm
„Jardin des Halles“:
Ursprüngliche Grünfläche: 330 m x 145 m
Neue Fläche nach Umbau: 450 m x 145 m

FORUM 05/2015 - BAUEN – ENSA, Nancy/FR


Visualisierung der neuen Kunsthochschule von Nancy © Dietrich | Untertrifaller Architekten

Zwei ungleiche Geschwister -
Kunsthochschule Nancy, Frankreich
2010 konnten Dietrich | Untertrifaller Architekten zusammen mit Atelier d’Architecture Christian Zoméno den zweistufigen anonymen Wettbewerb für die neue Kunsthochschule von Nancy für sich entscheiden. Die École Nationale Supérieure d’Art de Nancy (Ensan) ist Teil des Universitätscampus Artem, zu dem nach seiner endgültigen Fertigstellung neben der Kunsthochschule auch noch eine Hochschule für Technik sowie eine Hochschule für Wirtschaftsmanagement gehören wird.

Text Michael Koller
Fotos Dietrich | Untertrifaller Architekten, Luftaufnahme Solorem

Artem (Art, Technologie, Management) ist mit den zugehörigen Bauten Ensan, der École des Mines, der ICN Business School Nancy-Metz, dem Institut Jean Lamour, der Maison des Langues und einer Mediathek der zurzeit größte Universitätsneubaukomplex Frankreichs.
Beim städtebaulichen Wettbewerb zur Planung des ehemaligen Kasernengeländes konnte sich der französische Architekt und Städteplaner Nicolas Michelin 2005 gegenüber seinen vier Konkurrenten – Rem Koolhaas / OMA, Herzog & de Meuron, Dominique Perrault Architecture und Henri Ciriani – mit einem Konzept durchsetzen, das vor allem durch eine doppelgeschoßige, verglaste Galerie, die den eigentlichen Universitätsbauten vorgelagert ist, durchsetzen. Diese Galerie mit ihrem gefalteten Glasdach aus rosaroten und hellblauen Glaspaneelen stellt die symbolische, physische, funktionelle, aber auch ästhetische Verbindung der drei Hochschulen und deren Architekturen dar und bildet gleichzeitig einen gemeinschaftlich nutzbaren und transparenten Übergang zwischen dem Universitätscampus und der umliegenden Stadt.
Dietrich Untertrifaller und Christian Zoméno, die 2005 ebenfalls gemeinsam am Städtebauwettbewerb teilnahmen, war aber als Sechstgereihte die Teilnahme an der zweiten Phase des geladenen Wettbewerbs verwehrt. Die Kandidatur der beiden Büros erweckte bei der lokalen und regionalen Politik nicht zuletzt aufgrund des internationalen Bekanntheitsgrades der architektonischen, technischen und umwelttechnischen Qualitäten der Vorarlberger Architektur großes Interesse. 2010 beschlossen die beiden Büros, am Wettbewerb für die École Nationale Supérieure d’Art teilzunehmen, und gewannen.

Luftaufnahme der Baustelle © Solorem

ÜBERSICHTLICH ORGANISIERT
Die Jury zeigte sich von der Funktionalität und Klarheit der Grundrisse, der allgemeinen Organisation, der genauen Einhaltung des strengen, städtebaulichen Bebauungsplans und der Detaillierung des vorgestellten Projekts beeindruckt. Der Komplex bildet den nördlichen Abschluss des Universitätscampus und steht an der Kreuzung von Rue Vauban und Rue Sergent Blandan, womit er eine Schlüsselposition zwischen der Stadt und dem neuen Campusgelände einnimmt. Die Kunsthochschule ist am Ende der Galerie situiert, wobei sich zwischen dem Straßengebäude und dem Eingang der Galerie ein kleiner Vorplatz bildet. Der Hauptzugang erfolgt auch bei diesem Universitätsgebäude über die Galerie.
Bereits beim Betreten des Baus wird die Organisation deutlich: Das viergeschoßige „bâtiment Vauban“ an der Nordwestseite und die fünfgeschoßige „maison-signe“ an der Südostseite wurden auf einer sich über sämtliche Universitätsgebäude erstreckenden eingeschoßigen Tiefgarage errichtet. Zusammen mit den beiden Brückenbauten, die sie miteinander verbinden, umschließen sie den Innenhof der Kunsthochschule. In dem zwei Geschoße umfassenden und zum Teil vom Boden abgehobenen Verbindungsbau an der Innenhofrückseite ist ein Hörsaal untergebracht.


Die Straßenfassade an der Rue Sergent Blandan © Dietrich | Untertrifaller Architekten

Im Verbindungsgebäude an der Galerieseite ist die doppelgeschoßige Eingangshalle mit einer Brücke situiert, die die beiden ersten Geschoße miteinander verbindet. In der Ausschreibung wurden Ausstellungsflächen mit einer Raumhöhe von 4,50 Meter gefordert, die im Erdgeschoß der „maison-signe“ untergebracht sind. Die Holz- und Stahlbauwerkstätten des Erdgeschoßes im „bâtiment Vauban“ hingegen besitzen nur eine Raumhöhe von vier Meter. Aufgrund dieses Höhenunterschieds der Decken ist die Verbindungsbrücke leicht geneigt.
Über der Eingangshalle befinden sich noch zwei weitere Geschoße. Der Innenhof mit seinem Waschbetonbelag wird klar umschlossen, wirkt aber durch die gebäudehohe, galerieseitige Glasfassade und den Durchgang zum gemeinschaftlich benutzbaren Park an der Rückseite der Kunsthochschule dennoch offen. Im Gebäude Vauban sind Werkstätten untergebracht, während das höhere Signalgebäude in erster Linie der Verwaltung vorbehalten ist. Aufgrund des hinzugefügten Raumprogramms wurden aber auch dort im Zuge der Planung die Ausstellungsräumlichkeiten im Erdgeschoß und ein zusätzliches Siebdruckatelier in doppelter Geschoßhöhe unter dem Dach hinzugefügt.


Die Verbindungsbrücke in der doppelgeschoßigen Eingangshalle © Dietrich | Untertrifaller Architekten

EIN UNGLEICHES PAAR
Die beiden Baukörper unterscheiden sich äußerlich grundsätzlich voneinander: das mehrfach abgekantete Volumen der „maison-signe“ wird vollständig in eine Lochblechfassade aus braun-schwarzem, mit geraden Flanken gekantetem, eloxiertem Aluminium (E6C34) eingehüllt wie auch das Dach, das damit, wie schon bei den Gebäuden von Nicolas Michelin, zur fünften Fassade mutiert. Die straßenseitigen Fenster wurden von Geschoß zu Geschoß leicht versetzt angeordnet. Die Ordnung und die Größen der Fenster verändern sich zunehmend und werden immer freier, je weiter man sich dem begrünten Park des Campus an der Rückseite des Komplexes nähert.
Das quaderförmige Volumen der Werkstätten ist als Gegengewicht zu Formenvielfalt und Farbexplosion der Gebäude Michelins mit „Rieder Liquide Black Ferro“-Fassadenplatten bedeckt und zeichnet sich durch großformatige, linear angeordnete Fenster aus.
Trotz ihrer äußerlichen Verschiedenartigkeit ist die Tragstruktur der beide Gebäude ident: Rund um einen Stahlbetonkern aus Sichtbeton, der alle vertikalen Erschließungen, die Toilettenanlagen und technischen Einrichtungen aufnimmt, liegen die frei überspannten Werkstattplateaus, die in unterschiedlichster Weise mittels einfacher Gipskartonwände unterteilt werden. Die hofseitigen Erschließungsgänge wurden bewusst nicht als Gänge oder enge Schläuche konzipiert, sondern als lichtdurchflutete, helle Aufenthaltsräume, die auch für Ausstellungen adaptiert werden können. Sie öffnen sich mit großen Fenstern zum Innenhof und schaffen damit eine starke visuelle Beziehung zwischen innen und außen.

Das oberste Geschoss der südostseitigen „maison-signe“ © Dietrich | Untertrifaller Architekten

EINFACHHEIT INNEN WIE AUSSEN
Auch die Disposition der Räume und deren Materialität sind einfach und klar und beschränkt sich auf wenige, für die Funktionen adäquate Materialien. In der Regel sind alle Betonwände, also alle Außenwände sowie die Wände in und um den Erschließungskern, aus Sichtbeton. Nur die leichten Trennwände sowie die Wände der Ausstellungsräume bestehen aus weißgestrichenem Gipskarton. Alle Böden werden in Beton ausgeführt, nur die Büroräume erhalten einen Eichenindustrieparkett. Die Decken sind bis auf wenige Ausnahmen wie die abgehängten, gelochten und weißen Gipskartondecken in den Büros zur Schallabsorbierung mit Holzwolleplatten (Organic Minéral Pure von Knauf) bedeckt. Eine Ausnahme bilden auch die abgehängten Streckmetalldecken in der Eingangshalle, im obersten Geschoß der „maison-signe“ sowie im Auditorium.
Als Anknüpfungspunkt zur Farbenvielfalt der Gebäude von Nicolas Michelin, aber auch aus akustischen Gründen haben die Architekten bunte Filzvorhänge an den großformatigen Fenstern des nordseitig gelegenen „bâtiment Vauban“ vorgesehen, während das südseitige Signalgebäude bunte, außenliegende Markisen besitzt. Die ästhetische Wahl roh belassener Raumoberflächen entspricht sehr gut der Nutzung als Werkstätten. Projektleiter Andreas Laimer erklärt, dass ein Holzbau – eine Konstruktionsmethode, die man vielleicht als Erstes mit einem Vorarlberger Architekturbüro verbinden würde – in diesem Zusammenhang unpassend gewesen wäre. Er betont, dass die Gebäude außen wie innen eine unmittelbar spürbare Materialität aufweisen und die Konstellation wie auch die Verschiedenartigkeit der beiden markanten Gebäudevolumina eine interessante und gute Spannung erzeugen.

Die Werkstätten im nordwestseitigen „bâtiment Vauban“ © Dietrich | Untertrifaller Architekten

SCHLÜSSEL FÜR GUTE ZUSAMMENARBEIT
Die Bekanntschaft und Zusammenarbeit der beiden Büros geht auf einen Vortrag der Architekten Dietrich Untertrifaller an der École nationale supérieure d’architecture in Nancy und die Besichtigung verschiedener Bauten des Vorarlberger Büros im Rahmen einer Studienreise der Franzosen zurück.
Dietrich Untertrifaller sind bei dieser österreichisch-französischen Zusammenarbeit für die Planung und die künstlerische Oberleitung, das Büro Christian Zoméno als lokale Architekten für die Planungsabstimmungen vor Ort und die örtliche Bauaufsicht verantwortlich. Die Ausführung der Gebäude in Sichtbeton wird laut der beiden Projektleiter Andreas Laimer von Dietrich Untertrifaller und Dimitri Grzanka vom Atelier Christian Zoméno durch zweierlei Gründe erschwert: Zum einen gibt es traditionsgemäß in Frankreich kaum Erfahrung mit dem Bauen in Sichtbeton, was alle beteiligten Instanzen miteinschließt, die ausführenden Baufirmen ebenso wie die Haustechnikfirmen, die es nicht gewohnt sind, bei ihren Installationen darauf achten zu müssen, dass keine Verkleidungen oder Beschichtungen nachfolgen. Zum anderen führte der prinzipielle Widerstand Michelins gegen Sichtbeton zu zahlreichen Modifikationen und Umplanungen der Fassaden des „bâtiment Vauban“, das ursprünglich mit Betonfertigteilverkleidung geplant war. Die Kooperation der beiden Büros funktioniert deshalb sehr gut, weil es zwischen ihnen keines hohen Erklärungsaufwandes bedarf, in gestalterischer wie in technischer Hinsicht, und sich die hohen Ansprüche beider Architekturbüros miteinander decken. So können Entscheidungen schnell und mit großer Übereinstimmung getroffen werden.


Die Rückseite des Komplexes © Dietrich | Untertrifaller Architekten

STARKES GRUNDKONZEPT
Das Projekt musste aufgrund der finanziellen Vorgaben, etlicher Abänderungen des Raumprogramms und des strengen städtebaulichen und architektonischen Korsetts von Nicolas Michelin mehrmals angepasst werden. Das klare und starke Grundkonzept und die intensive Zusammenarbeit zwischen Planern und Nutzern führten schließlich zu einer Optimierung von Funktionalität und Raumorganisation im Rahmen des vorhandenen Budgets. Die Kraft des Projekts liegt darin, dass es die Architekten geschafft haben, der Kunsthochschule trotz der stark einschränkenden städtebaulichen Vorgaben bezüglich der Gebäudeabmessungen und -konturen sowie der Fassadengestaltungen einen markanten und eigenständigen architektonischen Charakter zu verleihen.


Grundriss Erdgeschoss

ARCHITEKTEN
Ensan: Dietrich | Untertrifaller Architekten ZT GmbH, Atelier d’Architecture Christian Zoméno
Artem Nancy: Agence Nicolas Michelin & Associés (www.anma.fr)
École des Mines, Institut Jean Lamour, Maison des Langues: Agence Nicolas Michelin & Associés (www.anma.fr)
ICN Busines School pour le Management, Médiathèque: Lipsky + Rollet Architectes (www.lipsky-rollet.com)

PROJEKTDATEN
Neubau der École Nationale Supérieure d’Art de Nancy / Kunsthochschule Nancy (F)
Auftraggeber: Stadtgemeinde Nancy
Architektur Dietrich | Untertrifaller Architekten ZT GmbH mit Atelier d’Architecture Christian Zoméno
Statik, Haustechnik, Elektroplanung, Bauphysik: Artelia, Straßburg
Akustikplanung: Venathec
Baumeister: Cari Fayat
Grundstücksfläche: 3.172 m²
Bebaute Fläche: 3.110 m²
Bruttogeschoßfläche: 13.580 m²
Nutzfläche: 8.591,15 m²
Baubeginn: September 2013
Fertigstellung: Jänner 2016


FORUM 03/2014 - BAUEN – Erweiterung und Renovierung Mauritshuis, Den Haag/NL



Perspektivischer Schnitt © Hans van Heeswijk architecten

In den Grund gesetzt -
Erweiterung und Renovierung Mauritshuis, Den Haag

Die Wiedereröffnung des Mauritshuis in Den Haag, eines der bekanntesten Museen der Niederlande und Heimat von Vermeers Meisterwerk „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge", ist nach einer umfassenden Erweiterung und Renovierung nach den Plänen des Amsterdamer Architekten Hans van Heeswijk für den 27. Juni 2014 geplant.

Text Michael Koller

Bauarbeiten Vorplatz © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

Das Mauritshuis – eines der schönsten Beispiele klassizistischer Architektur in den Niederlanden – wurde zwischen 1636 und 1644 nach einem Entwurf von Jacob van Campen als Doppelwohnhaus für Graf Johan Maurits van Nassau-Siegen, den damaligen Gouverneur der niederländischen Kolonie in Brasilien, erbaut. 1820 wurde das Mauritshuis vom niederländischen Staat gekauft, um dort die königliche Gemäldesammlung

unterzubringen. 1822 wurde das Mauritshuis als Museum eröffnet. So wie der benachbarte Binnenhof – das niederländische Parlament – liegt das Mauritshuis am Hofvijver, einem kleinen See im Herzen der Stadt.
Schnitt © Hans van Heeswijk architecten

PLATZMANGEL
2009 konnte sich Hans van Heeswijk beim europäischen Wettbewerb für die Erweiterung und die Renovierung des Museums in der zweiten Runde gegen seine vier niederländischen Kollegen Claus en Kaan Architecten Mecanoo architecten, Merkx+Girod und Broekbakema durchsetzen. Die kontinuierlich steigende

Besucherzahl, die unzureichenden Besuchereinrichtungen und die unbefriedigende Eingangssituation an der Gebäudeschmalseite verlangten eine weitreichende Umstrukturierung des Museums. Temporäre Ausstellungen waren nur durch das teilweise Sperren der Dauerausstellungsbereiche möglich. Das Freiwerden des benachbarten Eckgebäudes ‚Plein 26‘, das in den Dreißigerjahren im Art-déco-Stil errichtet worden ist, ermöglichte eine Erweiterung des Museums.

In der Vorbereitung des Wettbewerbs stellte der Rijksgebouwendienst Studien zu Erweiterungsmöglichkeiten und Verbindungsmöglichkeiten der beiden Gebäude an. Die Studie sah eine Verbindung des Mauritshuis und des Eckgebäudes mittels Tunnels und Gängen vor.
Bauarbeiten Vorplatz © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

DER NEUE ENTWURF
Hans van Heeswijk hat sich unter anderem mit dem Umbau des Amstelhofs, eines aus dem 17. Jahrhundert stammenden und als Altenheim genutzten Gebäudes, in die Hermitage Amsterdam einen Namen im Umbau und in der Renovierung von Museen und Baudenkmälern gemacht.

Unterirdische Tunnels und Gänge zur Verbindung des Mauritshuis mit dem neuen Eckgebäude wären, so meinte der Architekt, nicht funktionell und für ein derartiges Museum räumlich unpassend gewesen. Und so präsentierte van Heeswijk in seinem Entwurf eine großzügige Verbindung der Gebäude mittels eines geräumigen, lichtdurchfluteten, unterirdischen Foyers, in dem alle Besucherfunktionen untergebracht sind und das als Schnittstelle der unterschiedlichen Museumsfunktionen fungieren sollte. Dabei nutzte er einen zweigeschoßigen Keller, der im Zuge erster Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten zu Beginn der Achtzigerjahre unter dem Vorplatz für ein Depot, ein Auditorium und diverse Nebenräumen angelegt worden war.

Gebäude wie die Pyramide des Louvre und der Apple Store in New York inspirierten van Heeswijk zu seinem Entwurf des neuen Haupteingangs. Im neuen Arrangement betreten die Besucher das Museum wieder über den Vorplatz. Einmal auf diesem Platz, gelangen sie entweder über den freistehenden, rund neun Meter hohen zylinderförmigen Glaslift oder über die neue geschwungene Freitreppe zum Museumszugang im ersten Untergeschoß unter dem Vorplatz. Die beiden speziell für dieses Gebäude entworfene Elemente stehen wie luxuriöse Möbelstücke in einem Patio, der durch eine Aussparung im Vorplatz entstanden ist. Der einer großen transparenten Litfaßsäule ähnliche Glaslift dient dem Besucher dabei als Richtungsweiser zum Eingang des Museums. Diese auf ein Minimum reduzierte Eingangssituation entspricht den strengen Auflagen des Rijksgebouwendienst, der die Schaffung neuer Volumen und Zubauten untersagte.
Bauarbeiten am neuen Foyer © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

Das Volumen des Patios und des Foyers erstreckt sich als eine homogene, durchlaufende Box vom Kanal auf der einen Seite bis unter das Gebäude des Plein 26 auf der anderen. Die raumhohen Glasscheiben zwischen dem Patio und dem Foyer lösen die Grenze zwischen innen und außen visuell auf und sorgen für einen maximalen Lichteinfall von dieser Seite. Außerdem kann sich der Besucher beim Hinabschreiten der Treppe

bereits einen Überblick über das Foyer und die Organisation des Museums verschaffen. Wie van Heeswijk betont, ist diese Übersichtlichkeit und die einfache Orientierungsmöglichkeit das Schlüsselelement für ein gut funktionierendes und erfolgreiches Museum.

Einmal auf Eingangsniveau, kommt der Besucher durch die raumhohe Drehtür ins Foyer, in dem sich die Kassen, die Garderoben, der Informationsschalter, die öffentlichen Toiletten, der Museumsshop sowie ein Café befinden. Vom Foyer aus können die Besucher entweder über zwei monumentale Treppen ins Mauritshuis hinaufgehen oder zum Plein 26 durchgehen.

Den Architekten war es sehr wichtig, so viel Tageslicht wie möglich in das unterirdische Foyer zu bringen, um unter allen Umständen eine Garagenatmosphäre zu verhindern. Dies gelingt durch die raumhohe Verglasung zum Patio sowie durch die in den Vorplatz eingelassenen Glasscheiben. Zusätzlich organisierten die Architekten im Bereich des Höhenversprungs zwischen dem Keller des Mauritshuis und des Plein 26 und dem neuen Volumen unter der Straße Fenster, durch die ebenfalls Licht aus verschiedenen Richtungen ins Foyer einfällt. Alle diese Öffnungen schaffen aber auch vielfältige Ausblicke, sei es nun auf die Fassade des Mauritshuis, die des Plein 26, auf die Straße oder auf den Binnenhof. Sichtlinien spielen in den Entwürfen van Heeswijks eine entscheidende Rolle, da sie unter anderem die Orientierung erleichtern.
Montage der Stahlbetonbalken © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

Bautechnik
Der Auftrag Van Heeswijks umfasste alle bautechnischen Veränderungen sowie die Restaurierung der Fassade beider Gebäude, für die das Büro die Expertise eines Restaurators hinzuzog. Die Erneuerung der Wandtapeten sowie der Stuckarbeiten im Mauritshuis wird von den Dekorateuren des Museums selbst durchgeführt. Die Anpassung der gesamten Haustechnik, die Verlegung neuer Leitungen in den bestehenden Installationsschächten unter den Parkettböden und in den Wänden sowie die Erneuerung aller Fenster fiel allerdings unter die Verantwortung der Architekten. Auch die Modernisierung und Anpassung der gesamten Gebäudetechnik des Plein 26, der Entwurf neuer Fenster und die gesamte Innenraumgestaltung ist Teil des Auftrags von Hans van Heeswijk. So wurden unter anderem das Art-déco-Stiegenhaus restauriert und bis in das Keller- bzw. Dachgeschoß verlängert. Ein neuer Deckendurchbruch zwischen dem zweiten und dritten Obergeschoß erhöht das existierende Atrium auf die gesamte Gebäudehöhe. Außerdem wurden alle Lichtkuppeln über den dekorativen Glaseinlagen der Decke des Dachgeschoßes restauriert. Die Möbel des Foyers, des Shops, des Cafés und der Bibliothek wurden in enger Zusammenarbeit mit einem Tischler nach Entwürfen von Hans van Heeswijk gebaut.

Konstruktiv wurde das neue Foyer in Wirklichkeit aus drei Boxen zusammengesetzt: dem Keller unter dem Vorplatz, dem neuen Volumen unter der Straße und dem umgebauten Kellergeschoß des Eckgebäudes.
Um das große Volumen des Foyers unter dem Vorplatz zu kreieren, wurde die Zwischendecke und alle tragenden Zwischenwände des ursprünglich zweigeschoßigen Kellers entfernt. Während der Abbrucharbeiten dienten Ringbalken aus Stahlprofilen der Aussteifung der bestehenden Seitenwände. Die Aussteifungsfunktion der abgerissenen Zwischendecke werden letztendlich durch ins umliegende Erdreich getriebene, neue Zuganker übernommen. Zudem wurden die Seitenwände verstärkt. Um ein Auftreiben des Kellers zu verhindern, wurde auch die Bodenplatte verstärkt. Die Decke des Foyers – gleichzeitig die Bodenplatte unter dem neuen Vorplatz – wurde völlig erneuert, wobei die ursprünglichen Pflastersteine zurückgelegt wurden. Während dieses gesamten Umbaus wurde auch die historische Eingangstreppe sorgfältig abgetragen und nach der Fertigstellung des Platzes wieder aufgebaut.
Volumen unter der Straße © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

Um Setzungen und Schäden durch die Gründungsarbeiten an den Gebäuden zu verhindern, musste man für jedes Teilgebäude eine aparte Gründungsmethode anwenden. So wurden die neuen Kellerwände des um rund zwei Meter abgesenkten Kellers unter dem Plein 26 durch das Düsenstrahlverfahren errichtet, während das Volumen unter der Straße mit der Cutter-Soil-Mixing-(CSM)-Methode gebaut und die Bodenplatte mit Unterwasserbeton gegossen wurde. Die Fassadenlasten des Eckgebäudes werden letztlich über doppelte runde Stahlsäulen ins Erdreich abgetragen. Besonders heikel war der Bau der Fundamente für die neuen Lifte des Mauritshuis, des Patios und des Plein 26.

Die drei Boxen wurden unabhängig voneinander und nacheinander gebaut, um Risiken zu minimieren und eine bessere Baulogistik auf dem räumlich sehr begrenzten Grundstück durchführen zu können. Erst nach der Fertigstellung jedes einzelnen Kellers wurden die Zwischenwände durchbrochen.
Bauarbeiten am neuen Patio © Mauritshuis, Fotograf Ivo Hoekstra

Funktionen
Das Mauritshuis beherbergt auch in Zukunft die fixe Ausstellung. Im Kellergeschoß befinden sich nun das Depot und einige Besuchertoiletten. Im Plein 26 sind hingegen alle neuen, temporären und administrativen Funktionen untergebracht: der belebte Museumsshop wurde bewusst am Ende des Foyers im ersten Untergeschoß situiert. Von dort aus gelangt man über eine breite Treppe ins Erdgeschoß und ins Café, das sich auf Platzniveau befindet. Das erste Obergeschoß wird vom hohen Saal für temporäre Ausstellungen und von einem ebenso hohen Unterrichtsraum eingenommen, während im zweiten Obergeschoß das neue Auditorium, eine Bar und eine große Bibliothek untergebracht sind. Das dritte Obergeschoß ist der Administration vorbehalten.

Nur wenn der Besucher von all diesen komplexen und vielschichtigen Umbauarbeiten bei der Wiedereröffnung des Museums im Juni nichts mehr sehen kann, ist das Projekt für Hans van Heeswijk erfolgreich abgeschlossen.


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