FORUM – SKIN 02/2014 – Architectures Anne Démians (AAD), Paris/FR


Cover SKIN 02/2014

EINE FRAGE DER BEZIEHUNGEN
Die Architektur des Pariser Büros Architectures Anne Démians (AAD) unter der Leitung seiner Gründerin Anne Démians ist von einer fortwährenden Suche nach der adäquaten Gestaltung des Übergangs zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich sowie zwischen transparent und opak bestimmt. Die Fassade eines Bauwerks zieht die Grenze zwischen diesen Gegensätzen oder verbindet sie. Die Art und Qualität dieser Beziehung bestimmt die Entwickelung der Fassaden. Dabei ist es der Architektin nicht nur wichtig, die Fassade aus dem Gebäudeinneren zu betrachten, sondern auch im Hinblick auf ihre Wirkung im städtischen Umfeld.

TEXT MICHAEL KOLLER
FOTOS ARCHITECTURES ANNE DEMIANS

Den Wohnbau M9D4 im Pariser Stadtteil Massena, das Bürogebäude Rezo im Stadtteil Batignolles und den multifunktionalen Komplex Île de Corse in Nancy sieht sie als eine kontinuierliche Evolution ihrer Auseinandersetzung mit den Qualitäten und Möglichkeiten von Metallfassaden in einem städtebaulichen Kontext, der primär von Putzfassaden gekennzeichnet ist. Trotz der unterschiedlichen Programme und der verschiedenen Lagen sind die drei Bauwerke für sie Teil einer Familie.


Anne Démians © AAD 

FAMILIENBANDE
Eine entscheidende Frage für Anne Démians ist, wie man Gebäude entwerfen kann und muss, damit sie längerfristig ihre visuelle Integrität im öffentlichen Raum als Teil eines städtischen Ensembles behalten, selbst wenn sich ihre Funktion im Laufe der Jahre ändern sollte. Unter Integrität versteht sie das Verhindern der vorzeitigen Alterung oder der funktionellen Abnutzung, denen nur durch die richtige technische Verarbeitung und den adäquaten Materialeinsatz entgegengewirkt werden kann. Auch eine gewisse Eleganz und Zeitlosigkeit, selbst für herkömmliche Gebäudetypologien wie Wohn- oder Bürobauten, garantieren für sie diese Integrität, bei der sie keine Abstriche machen will. Edle Materialien wie Aluminium und rostfreier Stahl erlauben ihr, diese Eleganz in einem architektonisch historischen Kontext wie dem der Gebäude aus dem Paris Hausmanns oder jenem des Stadtkerns von Nancy mit seinen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert in die zeitgenössische Architektur zurückzubringen, ohne historisierend zu werden. Die grafische Gestaltung und die Details bereichern das Erscheinungsbild der Gebäude und verändern dieses je nach Blickwinkel des Betrachters.

Die Größe und Anordnung der Perforierungen der Schiebeelemente des Wohnbaus M9D4 sind so gewählt, dass sie vor zu starkem Sonnenlicht schützen, ohne die dahinterliegenden Wohnbereiche zu verdunkeln, und ermöglichen von innen je nach Sitz- oder Stehposition unterschiedliche Ausblicke ins Freie. In geschlossenem Zustand wirken die Gebäudekörper von der Straße aus opak und undurchsichtiger, während die Gebäudehaut von innen transparent bleibt. Den Loggien vorgesetzte Schiebeelemente gewährleisten den Bewohnern die nötige Privatsphäre. Sie sind für die Architekten aber auch Teil einer Anzahl von Filtern zwischen der Straße als öffentlichem Außenraum und dem privaten Innenraum. Gleichzeitig verwehren sie den störenden Blick auf Gegenstände, die Bewohner vielfach auf den Balkonen und Loggien lagern. Je nach Stellung der Fassadenplatten werden die Balkone zur intimen geschützten Zone zur Beobachtung des Straßenlebens. Auch beim Bürogebäude im 13. Arrondissement erfüllt die Fassade eine ähnliche Schutzfunktion. In allen drei Fällen war Démians darauf bedacht, die klassische Einteilung der Geschoße hinter den Fassadenelementen zu verstecken.


Bürogebäude Rezo, Paris © Laure Vasconi

VOM SOCKEL BIS ZUM DACH
Ein weiterer, wichtiger Entwurfsaspekt Anne Démians’ ist die Entwicklung kompakter, homogener Gebäudekörper. Bei allen drei hier vorgestellten Projekten kommt an der Fassade ausschließlich ein Material zum Einsatz, das die Gebäude vom Sockel bis zum Dach umhüllt. Die Fassadekomposition vom Gleisniveau bis zum Dach und die Anordnung der verschiedenen Lochung im Bereich der Fenster machen den grundsätzlich banalen Gebäudekörper des Rezo zu einem facettenreichen und spannenden Objekt. Anne Démians versucht die Fassaden von Bürogebäuden mit derselben Sorgfalt und Qualität zu behandeln wie jene von Wohnbauten. Um das versprochene Ergebnis garantieren zu können, lässt sie bereits zu Beginn des Planungsprozesses Prototypen der Fassaden anfertigen. Das erlaubt ihr frühzeitig zu prüfen, ob die Fassadenelemente den technischen und funktionellen Anforderungen wie dem Sonnenschutz gerecht werden und Oberflächengestaltung wie Perforierung dem gewünschten Effekt entsprechen. Diese Vorgehensweise unterstützt aber auch die Kommunikation mit dem Bauherrn, reduziert unerwartete Überraschungen und erlaubt vor allem eine realistische Kostenkalkulation.

Anne Démians ist davon überzeugt, dass sich ein Bürobau grundsätzlich nicht von einem Wohnbau unterscheiden sollte. An den Bauten Hausmanns etwa schätzt sie als Qualität neben dem großen Detailreichtum die Flexibilität der Nutzungsmöglichkeiten. Ein Aspekt, dem ihrer Meinung nach angesichts des massiven Büroleerstands beim Entwurf neuer Gebäude in Zukunft immer größere Bedeutung zukommen wird.

 Komplex „Île de Corse“, Nancy © AAD

MULTIFUNKTIONALER KOMPLEX „ÎLE DE CORSE“
Avenue du XXe Corps, Nancy

Die Universitätsstadt Nancy in Lothringen ist durch ihre zahlreichen Bauten im Stil des Art Nouveau international bekannt. Das U-förmige, sechsgeschoßige Gebäude von AAD liegt an der Grenze zum historischen Stadtzentrum des 18. Jahrhundert und zu einem Stadterweiterungsgebiet aus dem 20. Jahrhundert am Ufer des Kanals La Marne au Rhin. Der Bau ist Teil eines zwei Hektar großen Entwicklungsgebiets und nimmt eine gut sichtbare Schlüsselposition an der Ausfahrtsstraße Avenue du XXe Corps, der Verlängerung der historischen Einkaufsstraße Saint-Jean, ein, wo die 1.500 Quadratmeter großen Geschäftsflächen situiert sind. Die darüberliegenden Geschoße stehen den Büros zur Verfügung. Pertuy Construction – eine Tochtergesellschaft von Bouygues – richtet ebenfalls seinen neuen Hauptsitz in diesem Gebäude ein.

Der dahinterliegende Gebäudeflügel ist den 110 Zimmern des Drei-Sterne-Apartmenthotels vorbehalten. Die Fassade aus glänzendem rostfreiem Edelstahl mit den augenartigen Fenstern überzieht alle Gebäudeteile und schafft somit eine visuelle Einheit zwischen den diversen Gestaltungsprogrammen und Geschoßhöhen von 3,35 Metern für die Büros und 2,74 Meter für die Apartments des Hotels. Die Inoxplatten mit den linsenartigen Öffnungen (die höheren sind Kippfenster) sind auf einer Holzunterkonstruktion montiert. An der Kanalseite gibt es einen fließenden Übergang zwischen dem höheren, straßenseitigen Baukörper und dem niedrigeren Hotelkomplex.


Fassadenansicht und -schnitt © ADD

Das Volumen entspricht der Masse der historischen Bauwerke, die den zentralen Platz: „Place Stanislas“ aus dem 18. Jahrhundert säumen. Anne Démians ließ sich in der Materialwahl und der Fassadengestaltung von der Arbeit des lokalen Architekten Jean Prouvé und seiner Pionierarbeit bei der Verwendung von Stahl und Aluminium inspirieren. Durch die außenliegende Isolierung, die geothermische Anlage, die Sonnenkollektoren und die Regenwasserrückgewinnungsanlage wird dieses kurz vor der Fertigstellung befindliche Gebäude in Zukunft wohl zu einem Referenzprojekt des nachhaltigen Bauens werden.

Multifunktionaler Komplex Île de Corse
Avenue du XXe Corps, Nancy

Bauherr: Cirmad
Architektur: Architectures Anne Démians, Paris
Projektleiter: Philippe Monjaret, Typhaine Blanchet
Kostenmanagement: Pertuy Construction
Tragwerksplanung: Pertuy Construction
Haustechnik und Elektroplanung: Pertuy Construction
Fassadenplanung: VP & Green, Paris
Nutzfläche: 10.200 m2

Wohnbau M9D4 / Oressence, Paris © Laure Vasconi

WOHNBAU M9D4
Zone d’aménagement concerté (ZAC) Masséna Chevaleret, 13. Arrondissement, Paris

Der 2013 fertiggestellte Wohnbau mit seinen 54 Eigentumswohnungen und den diversen Geschäftsflächen befindet sich im Stadtviertel Masséna im Neubaugebiet Paris Rive Gauche, das in den vergangenen 25 Jahren sukzessive neu bebaut wurde. Ähnlich wie schon bei der nahegelegenen Bibliothèque Nationale de France wird das an der Nordseite des Blocks gelegene Eisenbahngelände in den kommenden Jahren überplattet und bebaut werden.

Durch die Lage am Rand der Eisenbahngeleise, die zum Bahnhof Gare de l’Austerlitz führen, besitzen alle Neubauten an dieser Stelle zwei unterschiedliche Zugangsebenen. Auch der Wohnbau von Anne Démians wird durch eine Fußgängerpassage durchschnitten, die von der höhergelegenen Rue Jeanne Chauvin bis zur Rue du Chevaleret hinabführt. Über diesen nur für die Bewohner zugängliche Durchgang gelangt man zu den beiden nordseitigen Hauseingängen sowie zu den Kinderwagen-, Rad- und Müllabstellräumen.

Der mit Buxy-Sandstein verkleidete Sockelbereich entlang der ansteigenden Rue Léo Fränkel bildet das verbindende Element zwischen allen Wohnbauten des Blocks. Der Wohnbau von AAD hebt sich durch seine Metallfassade und Form grundlegend von diesem Unterbau ab. Er teilt sich im vierten Obergeschoß in ein insgesamt siebengeschoßiges und ein turmartiges zehngeschoßiges Volumen, wodurch im vierten Obergeschoß zwei großzügige Dachterrassen entstanden sind.


Fassadenansicht und -schnitt © ADD

Während sich die Wohnbereiche der Zwei- bis Sechszimmerwohnungen mit großzügigen, raumhohen Fensterverglasungen nach Süden und Westen öffnen, liegen die Schlafzimmer im Norden. Offene Wohnbereiche werden von den Schlafbereichen durch einen Funktionsbereich, dem „bande active“, einem L-förmigen, zentralen Streifen, getrennt, auf dem die Nasszellen und Stauräume der Wohnungen organisiert sind. Diese zum Teil von zwei Seiten zugänglichen Elemente dienen als Filter zwischen den Gemeinschafts- und Schlafbereichen. Sie sind Teil der Tragstruktur und erlauben die Anordnung aller nötigen Installationsschächte.

Wohnbau M9D4 / Oressence
Zone d’aménagement concerté (ZAC) Massena Chevaleret, 13. Arrondissement, Paris

Bauherr: Semapa-Vinci
Architektur: Architectures Anne Démians, Paris
Projektleiter: Martin Mercier, Arnaud Housset
Projektteam: Chloé de Quillacq, Bertrand Delorme
Kostenmanagement: Parica International, Montreuil
Tragwerksplanung: EGIS, Saint-Quentin-en-Yvelines
Haustechnik und Elektroplanung: Parica International,Montreuil
Fassadenplanung: VP & Green, Paris
Nutzfläche: 4.885 m²


Bürogebäude Rezo, Paris © JP Porcher

BÜROGEBÄUDE REZO
Rue de Saussure / Pont Cardinet, 17. Arrondissement, Paris

Das schlanke, 130 Meter lange und 17 Meter breite Bürogebäude mit seiner charakteristischen Gebäudehaut aus anodisierten Aluminiumplatten steht im 17. Pariser Arrondissement auf einer ehemaligen Eisenbahnbrache zwischen dem Boulevard Pereire, der Rue de Saussure und den Eisenbahngeleisen, die zum nahegelegenen Bahnhof und Infrastrukturknotenpunkt Gare Saint Lazare führen. Mit dem 16.500 Quadratmeter großen und achtgeschoßigen Gebäudevolumen reagiert Anne Démians auf die großmaßstäblichen Infrastrukturgebäude rund um den Bahnhof.

Ähnlich wie beim Wohngebäude im Stadtviertel Masséna versucht AAD mit der Gebäudehaut einen homogenen, kompakten Baukörper zu kreieren. Bedingt durch seine Länge, seine Proportionen und den abgerundeten, fließenden Übergang der Fassade in die Dachfläche, erinnert das Gebäude an einen abgestellten, silbrig glänzenden Zug. Die schutzschildartige Fassade besteht aus 3,40 x 2,70 Meter großen, grau-metallicfarbigen Aluminiumplatten, die im Bereich der 180 Zentimeter hohen und bis unter die Decke reichenden Isolierglasfenster mit runden und amöbenartigen Löchern perforiert sind. Während diese geschoßhohen Platten im Bereich der Parapete völlig blickdicht sind, weisen sie durch verschiedene Einschnitte im perforierten Bereich der Fenster einen Öffnungsgrad von mehr als 30 Prozent auf. An bestimmten Stellen wurden diese Platten hochgeklappt, was die technische Ausstrahlung des Bauwerks weiter unterstreicht.

Fassadenansicht und -schnitt © ADD

Die vom ersten Untergeschoß bis ins erste Obergeschoß durchlaufende Glasfassade an der südöstlichen Stirnseite reduziert sich stufenartig in Richtung Nordwesten. Damit wird dem Gebäude seine Masse genommen, und es entstehen gleichzeitig Durchblicke vom straßenseitigen Erdgeschoß, auf dem auch die doppelgeschoßige Eingangslobby liegt, bis zu den tiefergelegenen Eisenbahngeleisen. Die Geschoße darüber lösen sich dadurch optisch vom Grund. Im Zwischenraum zwischen Fassadenplatten und Fenstern wurden auf der Süd-, West- und Ostfassade Jalousien vorgesehen, womit die Nutzer den Lichteinfall zusätzlich und individuell steuern können. Die zwölf Zentimeter dicke, außenliegende Dämmung aus Steinwolle macht das mehrfach ausgezeichnete Gebäude zu einem äußerst energieeffizienten Bürobau (48 kWh/m2/Jahr), der so funktionell und flexibel entworfen wurde, dass er in der Zukunft auch zu einem Wohnbau umfunktioniert werden könnte. Die lichtdurchfluteten, als Großraumbüros oder in Zellen organisierbaren 2.000 Quadratmeter großen Büroplateaus (Möglichkeit der Unterteilung in zwei Brandabschnitte à 1.000 Quadratmeter) werden über vier Kerne entlang eines in der Mitte gelegenen Bandes erschlossen und erhalten im Dachgeschoß Balkone.

Bürogebäude Saussure, Rezo
Rue de Saussure/ Pont Cardinet, 17. Arrondissement, Paris

Bauherr: SNEF – Sodearif
Architektur: Architectures Anne Démians, Paris
Projektleiter: Philippe Monjaret, Alain Sabounjian, Jack Weinand, Laurent Baudelot, Simon Guillermoz
Projektteam: Blandine Plénard
Kostenmanagement: Bouygues construction, Parica
Tragwerksplanung: Bouygues construction
Haustechnik und Elektroplanung: Bérim
Fassadenplanung: VP & Green, Paris
Nutzfläche: 16.500 m2

Architektur & BauFORUM - SKIN 02/2014
Architectures Anne Démians (AAD)


FORUM – SKIN 02/2014 – Centre de Conservation et de Ressources (CCR), Marseille/FR


Visualisierung CCR © Corinne Vezzoni et Associes

VOM LICHT GEFORMT
Fast mimetisch gliedert sich dieser Neubau auf den ersten Blick – er dient der Aufbewahrung und Konservierung der Ausstellungsobjekte des Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, kurz MuCEM – in die bestehende Bebauung ein. Der klar konfigurierte monolithische Baukörper aus rauem Beton schafft es dennoch, sich durchaus selbstbewusst in Szene zu setzen.

TEXT MICHAEL KOLLER
FOTOS DAVID HUGUENIN

Corinne Vezzoni et Associés aus Marseille ging 2004 als Sieger aus einem internationalen Wettbewerb hervor, den das französische Kulturministerium zum Bau des zum MuCEM gehörenden „Centre de Conservation et de Ressources (CCR)“ – des „Zentrums der Erhaltung und der Ressourcen“ – ausgeschrieben hatte.

Während das Musée des Civilisations de l‘Europe et de la Méditerranée, das „Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers“, (MuCEM) der beiden Architekturbüros Rudy Ricciotti und Carta-Associés mit seiner netzartigen Gebäudehülle prominent und weithin sichtbar direkt an der Hafeneinfahrt des Vieux Port von Marseille liegt, versteckt sich das CCR bescheiden auf einem ehemaligen, 1,2 Hektar großen Kasernengelände im Stadtviertel Belle de Mai in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptbahnhof Saint Charles. Es ist ein Stadtteil, der durch die Eisenbahntrassen vom eigentlichen Stadtzentrum abgeschnitten ist und dessen Image in den vergangenen Jahren durch die Ansiedelung verschiedener Kulturprojekte in den Hallen der vormaligen Tabakfabrik entscheidend aufgewertet wurde.


Einschnitte auf der Gartenseite © David Huguenin

SCHATZKISTE
Das Projekt gilt in Frankreich als Pilotprojekt, das aus einer Public-private-Partnership (PPP) zwischen dem Kulturministerium und Icade, einem Immobilienunternehmen und gleichzeitig Tochtergesellschaft der französischen Caisse des Dépôts, hervorgegangen ist.

Das Gebäude dient der Lagerung, Konservierung, Dokumentation, Untersuchung und der Entwicklung der Sammlung des MuCEM und ist eine wahre Schatzkiste von Sammlungsstücke aus mehreren Jahrhunderten alter Volkskunst. Es ist als „lebendiger, aktiver Ort“, als „Arbeitswerkzeug“ für Forscher, Konservatoren, Restauratoren und Studenten konzipiert. Neben den Hauptausstellungen des MuCEM organisiert das CCR in seinen Räumlichkeiten im Erdgeschoß des Gebäudes regelmäßig kleine Nebenausstellungen, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind und für deren Gestaltung verschiedene Kuratoren aus Kunst, Architektur und Kultur eingeladen werden.


Lager CCR © Corinne Vezzoni et Associes

Auf mehr als 8.000 Quadratmeter findet man rund eine Million Objekte, darunter Kleidungsstücke, Textilien, Bilder, Keramiken und Glasgegenstände, Bücher, Zeitschriften, Schmuck, Fotografien, Ton- und Filmaufnahmen, profane Skulpturen und Plastiken sowie Spielzeug, Musikinstrumente und vieles mehr.

Die ursprünglich mehr als 30.000 Stücke umfassende Sammlung wurde vom Musée National des Arts et Traditions populaires et du Musée de l’Homme (Volkskundemuseum) in Paris übernommen und konnte seit Beginn dieses Jahrhunderts sukzessive mit Exponaten aus dem Mittelmeerraum erweitert werden. Mit dem CCR wurde es nach Jahren behelfsmäßiger Zwischenlagerung möglich, die gesamte Sammlung des MuCEMs an einem Ort zusammenzubringen.


Haupteingang CCR © David Huguenin

FORM
Corinne Vezzoni reagiert mit dem kompakten Baukörper auf die Maßstäblichkeit der industriellen und militärischen Nachbargebäude. Mit seinen Außenmaßen von 72 x 72 Metern besitzt es exakt dieselbe Grundfläche wie das Ausstellungsgebäude am Meer. Für die Architektin ist das Gebäude ein „Monolith aus rauem Beton, der vom Licht geformt wird“. Seine einfache Volumetrie, seine schroffe, dicke und unregelmäßige Außenhaut und die weißen, glatten und reflektierenden Innenhoffassaden referieren an die Skulptur „Hommage à la mer III“ des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida.

Bei der Positionierung des Gebäudes und der Organisation der verschiedenen Räume und Funktionen haben sich die Architekten das natürliche Gefälle der Parzelle zunutze gemacht und die Anlieferung für die Lkws an der äußersten Ecke der abfallenden Rue Clovis Hugues positioniert. Die Sammlungsstücke werden dementsprechend über das erste Untergeschoß angeliefert bzw. abtransportiert. Das Innere des Bauwerks vergleicht Pascal Laporte, neben Maxime Claude der dritte Partner des Büros, lächelnd mit Ikea, da es beim Entwurf und der Ausarbeitung in erster Linie darum ging, die Räumlichkeiten so zu situieren, dass alle Stücke mit ihren unterschiedlichen Formaten und Größen untergebracht werden konnten. Das Untergeschoß, in dessen Lager an manchen Stellen Galerien eingebaut wurden, besitzt eine Geschoßhöhe von rund sieben Meter, während das Erd- und das erste Obergeschoß zirka vier Meter hoch sind.


Pläne und Schnitte

Hinter der massiven, robusten und rohen Außenfassade mit ihren tiefen Einschnitten verbirgt sich ein Tresor, der von einer hochkomplexen Klimatechnik regiert wird. Die technischen Installationen zur Kühlung der Luft und der Regulierung der Luftfeuchtigkeit sind je nach ihrer Funktion auf dem Dach oder im Untergeschoß untergebracht. Der Fußgängerzugang erfolgt über einen kleinen, beschatteten Vorplatz an der Ecke zwischen der Rue Guibal und der Rue Clovis Hugues. Das Erdgeschoß sowie das erste Obergeschoß werden auf der Hofseite von Büros, Werkstätten, Laboratorien und Sitzungszimmern eingenommen, die sich mit großen Fenstern und Balkonen zum Park hin öffnen. Im Erdgeschoß befinden sich zusätzlich noch ein Ausstellungsraum und ein Raum zur Konsultierung des Fundus.


Die Fassadenfarbe ändert sich je nach Lichteinfall © David Huguenin

FASSADE
Der nach Süden ausgerichtete Innenhof und die beiden Patios im Eingangsbereich sind im Gegensatz zu den Straßenfassaden vollkommen weiß und glatt. Um das Bild eines ausgehöhlten Steins von Eduardo Chillida noch zu verstärken, setzten die Architekten die Fenster der lichtdurchfluteten Büros an die Außenkante der Fassade. Das gesamte Gebäude ist auf der Innenseite isoliert, wobei es in erster Linie darum ging, die Lagerräume wohltemperiert zu halten und so zu gestalten, dass es zu keinen Schäden durch Schimmel oder starker Überhitzung kommt.

Durch das Design wurden vor allem die Fassadenübergänge zwischen den weißen und roten Betonwänden an den Gebäudekanten und den Fensterleibungen zu einer echten Herausforderung, für deren Ausführung spezielle Putztechniken angewandt werden mussten. Die brettraue, kleinteilige Schalung und die unregelmäßige Rotfärbung lassen die Gebäudehaut scheinbar vibrieren und unterstreichen den Kontrast zwischen innen und außen. Auch die Gestaltung einer einheitlich weißen und gleichmäßigen Oberfläche der Hofwände und Terrassen war vor allem durch die Gefahr der Rissbildung der Bodenplatten schwierig.


Detail Hoffassade © David Huguenin


Das CCR erscheint zwar auf den ersten Blick viel unspektakulärer als das MuCEM, entpuppt sich aber bei genauerem Hinsehen als ebenso fein ausgearbeitet und als ebenso klares architektonisches Statement.

Vezzoni et Associés gehören heute neben Atelier Marc Barani und Rudy Ricciotti zu den bedeutendsten Vertretern mediterraner Architektur, was sie in der Vergangenheit bereits mit verschiedensten Bauten (öffentlichen und privaten) unter Beweis gestellt haben.

PROJEKTDATEN
Centre de Conservation et de Ressources (CCR) du Musée des Civilisations de l‘Europe et de la Méditerranée (MuCEM) zur Lagerung und Aufbereitung der Sammlungsstücke des MuCEM, 1, rue Clovis Hugues, 13003 Marseille, Frankreich

Architekt: Corinne Vezzoni & Associés, Aura, A. Jollivet architecte (Bauausführung), Marseille
Ingenieurbüro: Ingerop
Bauherr: Ministère de la culture et de la communication (Kulturministerium), Icade Promotion (PPP)
Generalunternehmer: Eiffage construction
Wettbewerb: 2004
Fertigstellung: 2012
Nutzfläche: 13.033 m2

Architektur & BauFORUM - SKIN 02/2014
Corinne Vezzoni & Associés
MuCEM


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