Michael Koller im Gespräch mit Ryan W. Kennihan
Wie verschlägt es einen Amerikaner aus der Großstadt Chicago in das beschauliche Dublin?
Dafür
gibt es zwei Gründe: 2002 befand sich Irland inmitten eines riesigen
Baubooms. Jeder baute, und alle guten Architekturbüros der Stadt nahmen
Architekten auf. Das führte dazu, dass es sehr viele junge Architekten
gab, die über Bauen und Architektur sprachen, und eine sehr
stimulierende Diskussionskultur entstand. Und genauso eine Atmosphäre
habe ich im Anschluss an mein Studium auch gesucht. Viele meiner
Studienkollegen gingen nach dem Abschluss nach New York, um dort in
großen Büros zu arbeiten. Ich wollte bauen. Es war die ideale Zeit, um
hierherzukommen, und Dublin war der ideale Ort, um zu beginnen. Durch
die Nachfrage an Architekten war es außerdem für Nicht-Europäer sehr
einfach, ein Arbeits- und Aufenthaltsvisum zu erhalten. Und der zweite
Grund war meine Frau, die es ebenfalls aus beruflichen Gründer hierher
zog.
Ein sicherlich gewaltiger Maßstabssprung. Wird Ihnen Dublin bzw. Irland nicht zu klein?
Es
ist tatsächlich ein anderer Maßstab, aber gerade der Größenunterschied
eröffnete mir eine Vielzahl an Möglichkeiten. Als ich hierherkam, waren
die Iren sehr offen für neue Ideen und gingen auch das Risiko ein, in
der Architektur neue Dinge auszuprobieren. Das hat die Architektur- und
Bauszene sehr stimuliert. Das Bauen in den USA ist sehr konservativ und
überreglementiert. Für einen Architekten ist es dort sehr schwierig,
eine Lizenz zu erhalten – die dann auch nur in einem Bundesstaat
Gültigkeit hat. Außerdem will niemand Risikos eingehen.
Manchmal
ist es gerade als Ausländer schwierig, in einem fremden Land Fuß zu
fassen, nicht zuletzt, weil man dessen Kultur und Gebräuche nicht kennt.
Hatten Sie damit keine Probleme?
Die Iren waren sehr gut zu
mir. Nicht nur, dass die Kultur allgemein sehr offen war, auch die
Architekten, für die ich arbeitete, haben mich von Beginn an als
ebenbürtig behandelt und mich in ihre Bekanntenkreise eingeführt. Dazu
kam noch die Möglichkeit, hier zu unterrichten. In Irland ist es sehr
wichtig, dass dich jemand empfiehlt, egal woher du kommst und wie alt du
bist. Aber wenn dich jemand empfiehlt, heißt das, dass du gut bist.
Dann kann man etwas erreichen und weiterkommen.
Und die Krise? Hat es bei Ihnen nie den Punkt gegeben, an dem Sie Ihre Entscheidung bereuten?
Nein.
Natürlich hat sich seit der Krise die Frage gestellt, wie es
weitergehen kann und soll. Viele Projekte wurden gestoppt oder auf die
lange Bank geschoben. Aber meine Entscheidung hierherzukommen, bereue
ich deswegen nicht. Mein eigenes Büro zu haben, meine eigene Architektur
realisieren zu können und auch unterrichten zu können sehe ich als
echten Luxus.
Sie sehen die Möglichkeit zu unterrichten als große Chance. Warum ist das für Sie so wichtig?
Ich
wollte ganz bewusst unterrichten. Ich begann damit, als ich noch bei
Boyd Cody Architects gearbeitet habe. Meine Chefs unterrichteten selbst
und standen meinen Ambitionen sehr aufgeschlossen gegenüber. Am Anfang
lockte mich sicherlich auch der Versuch, ein bischen Abstand vom
Büroalltag zu bekommen. Seit der Gründung meines eigenen Büros haben
sich die tägliche Praxis und die Forschungsarbeit, die ich mit meinen
Studenten an der Universität mache, immer stärker verknüpft, fast wie
ein Puzzle. Die Lehrtätigkeit erlaubt es mir, meine Sichtweise der
Architektur zu verstärken und meinen Geist fit zu halten. Die Büroarbeit
beeinflusst meine Lehrinhalte, und umgekehrt stimuliert die
Forschungsarbeit die Entwicklung von Projekten im Büro.
Das heißt, dass die Studios, die Sie leiten, Ihren Charakter und Ihre Arbeitsweise widerspiegeln?
Ich
versuche meinen Studenten in erster Linie das Bauen näherzubringen. Das
ist eben meine persönliche Linie. Ich finde es auch gut, dass
Professoren in ihren Kursen unterschiedliche Ziele verfolgen, das sorgt
für die nötige Vielfalt, die für die Ausbildung eines Architekten
notwendig ist. Ich glaube, dass auch meine Studios ähnlich wie die
Architektur, die wir hier im Büro entwickeln, eine sehr klare
Architekturauffassung vorstellen. Meine Schwerpunkte liegen in der
Konstruktion und Erforschung traditioneller Bautypologien und
Konstruktionstechniken. So gelingt es mir auch, die Brücke zwischen
Praxis und architektonischer Forschungsarbeit zu schlagen.
Ich versuche niemanden durch komplexe Konstruktionen zu
blenden, für mich liegt die Schönheit eines Hauses auch in der
Einfachheit, in der Direktheit seiner Konstruktion.
Wie kommt es, dass Sie sich als Ausländer auf irische Bautraditionen spezialisiert haben?
Die
Dinge, die ich unterrichte, sind nicht speziell irisch. Einer meiner
Kursinhalte waren die mittelalterlichen Rathäuser in Italien. Wir
analysierten ihre Lage im städtischen Kontext, studierten ihre Formen,
ihre räumlichen Kompositionen, ihre Konstruktion und bauten sie in
Modellen nach.
Aber warum diese Forschungsarbeit zur Geschichte von Gebäuden? Das ist doch heute ziemlich unmodern und etwas unpopulär?
Weil
ich davon überzeugt bin, dass es so etwas wie ewige, zeitlose
Wahrheiten und Regeln gibt. Was ich versuche zu vermitteln, ist eher die
Art und Weise, Dinge zu betrachten. Das ist mir wichtig. Dieses
Interesse für die Geschichte eines Ortes und eines Gebäudes ist
sicherlich auch meine ganz persönliche Revolte gegen meine Ausbildung
und gegen zeitgenössische Architektur.
Wie sehen Sie dann Ihre Funktion als Architekt?
Um
dauerhafte und zeitlose Architektur zu machen, muss man aus Quellen wie
Konstruktionstechniken, überlieferten Gebäudetypologien oder zeitlosen
Materialien schöpfen. Deswegen ist für mich die Architektur- und
Kulturdiskussion so wichtig. Jedes Gebäude sollte meiner Meinung nach
sowohl in der Bau- wie Architekturkultur fundiert sein. Ich sehe unsere
Arbeit als Teil einer Kontinuität. In diesem Sinne entwerfen wir auch
Gebäude. Insofern finde ich die Position der Modernisten, dass die
Geschichte keine Bedeutung habe, absurd.
Das ist eine Haltung, die auch als sehr konservativ eingestuft werden kann.
Ich
bin absolut davon überzeugt, dass es möglich ist, eine
hundertprozentige moderne Architektur unserer Zeit zu entwerfen und zu
bauen, die dennoch Teil der Kontinuität lokaler Architekturkultur ist,
die auf Jahrzehnte, auf Jahrhunderte zurückgeht. In diesem Sinne
unterrichte ich auch.
Ihre Gebäude sind in ihrer
Materialität sehr schwer und massiv, formal fest mit ihrem Bauplatz
verbunden. Zur Verwendung gelangen dabei meist Backstein, Naturstein und
Beton. Warum?
Ich habe bis jetzt dem Kontext entsprechend
vornehmlich in Backstein und Beton gebaut. Aber es kann durchaus sein,
dass ich in Zukunft auch ein Bauernhaus aus Glas baue. Aber auch das ist
davon abhängig, ob es in den Kontext passt und das Material meine
Erwartungen erfüllt. Generell habe ich mich aber schon immer zu
schwereren Materialien hingezogen gefühlt.
Was fasziniert Sie so an diesen Materialien?
Eine
der größten und stärksten, der Architektur zutiefst inhärenten
Qualitäten ist deren mögliche Dauerhaftigkeit und die Tatsache, dass sie
über mehrere Generationen bewohnt und genutzt werden kann. Ich bin
überhaupt nicht an temporärer oder mobiler Architektur interessiert und
möchte dauerhafte und funktionelle Gebäude bauen, die Bestand haben und
als schön beurteilt werden. Für mich sind Struktur und Konstruktion
eines Gebäudes stets entscheidend, weil auch sie die Dauerhaftigkeit
eines Bauwerks bestimmen. Deshalb lege ich diese in unseren Projekten
auch gern offen, um den Bewohnern die Struktur ihres Hauses begreifbar
zu machen. Wir beginnen unsere Entwürfe somit oft mit einem
Konstruktions- oder einem Bauprinzip.
Ich arbeite gern an kleinen Projekten, weil ich die Direktheit und
Unmittelbarkeit liebe. Die Arbeit auf der Baustelle ist ein permanenter
Dialog mit den ausführenden Firmen, das hat für mich einen
entscheidenden Stellenwert.
Im Rahmen der Renovierung
eines bestehenden Gebäudes versuchen Sie stets auch die Konstruktion
sichtbar zu machen wie etwa beim Sallymount Terrace House. Der
Unterschied zwischen Bestand und Zubau wird aber nicht auf Anhieb
sichtbar.
Wenn wir Gebäude renovieren, versuchen wir immer einen
architektonischen, räumlichen und materiellen Dialog zwischen
bestehendem und neuem Teil zu entwickeln. Beim Terrace House ging es
darum, im Erdgeschoß einen klaren Unterschied zwischen dem
existierenden, typischen Wohnhaus und dem modernen Zubau zu machen.
Dennoch gibt es Ähnlichkeiten in Material, Symmetrie von Fenstern und
Türen. Die meiste zeitgenössische Architektur ist nur auf Unterschiede
und Fremdheit aufgebaut. Das Resultat sind oft flache oder hohle
Erlebnisse dieser Architekturen. Für mich ist ein Gebäude viel
interessanter, wenn es diese Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit
besitzt. Das verstehe ich unter einem Dialog.
Bei den
Wettbewerbsenwürfen für das Leaning Vault House oder die Festhalle des
Javafaltet-Friedhofs gehen Sie überhaupt so weit, die sehr ungewöhnliche
Form eines Bogens vorzustellen. Woher kommt diese Idee?
Sie
erklärt sich einerseits durch mein Interesse an der Struktur von
Gebäuden und andererseits aus dem Bestreben, Teil einer Kontinuität zu
sein. Das Leaning Vault House ist auf der konstruktiven Idee, ein
nubisches Gewölbe zu realisieren, aufgebaut. Mit dem Bogen wollte ich
keine interessante Form kreieren, sondern dessen Konstruktionsprinzip
und Potenzial erforschen, um zu sehen, welche Art von Räumen dieser
erzeugen kann. Ich versuche niemanden durch komplexe Konstruktionen zu
blenden, für mich liegt die Schönheit eines Hauses auch in der
Einfachheit, in der Direktheit seiner Konstruktion. Das ist wichtig,
damit sich auch die Nutzer und Bewohner mit ihm identifizieren können.
Sie bearbeiten mehrheitlich kleinere Projekte. Möchten Sie in Zukunft auch größere Bauten realisieren?
Ich
arbeite gern an kleinen Projekten, weil ich die Direktheit und
Unmittelbarkeit liebe. Die Arbeit auf der Baustelle ist ein permanenter
Dialog mit den ausführenden Firmen, das hat für mich einen
entscheidenden Stellenwert. Die Unmittelbarkeit zwischen dem Entworfenen
und dessen Ausführung gefällt mir. Aber ein multifunktionales Gebäude
wie jenes in der Henrietta Street – also ein mittelgroßes Bauvorhaben –
realisieren wir natürlich auch gern.
Die Beschreibung
Ihrer Architektur und Ziele Ihres Portfolios sind für ein junges Büro
wie das Ihre ungewöhnlich klar und deutlich. Sie wissen genau, in welche
Richtung Sie Ihr Büro entwickeln wollen, oder?
Ich habe gemerkt, dass das Definieren und Niederschreiben meiner eigenen Werte und die Analyse meiner Architektur sehr hilfreich sind. Es entspricht genau dem, wofür ich stehe. Natürlich werden wir uns weiterentwickeln, ein Großteil wird jedoch bestehen bleiben, gerade weil ich keine modischen, sondern zeitlose Gebäude bauen will. Am besten wird es sein, wenn Sie in fünf Jahren wieder zurückkommen und wir das Gespräch dann weiterführen.