FORUM – INTERVIEW – SeARCH, Amsterdam/NL


Bjarne Mastenbroek © Maarten Corbijn

Fantastischer Pragmatismus
SeArch ist Teil einer sehr erfolgreichen, jungen Generation niederländischer Architekturbüros. Mit der eingegrabenen Villa Vals in der Schweiz, einen Steinwurf von der Therme Vals von Peter Zumthor entfernt, hat sich der Gründer Bjarne Mastenbroek in den vergangenen Monaten wieder in die Erinnerung der Architekturwelt gerufen. Im Gespräch entpuppt er sich als eine sehr pragmatische Persönlichkeit mit klaren Ideen über die Funktion der Architektur und des Architekten.

Michael Koller im Gespräch mit Bjarne Mastenbroek

Ich habe den Eindruck, dass jedes neue Projekt, das SeARCH fertigstellt, unmittelbar ein Highlight ist. Wie kommt das?
Das hängt vielleicht damit zusammen, dass wir viele öffentliche Programme wie ein Museum, ein Café, einen Aussichtsturm oder ein Konferenzzentrum gebaut haben. Die Erwartungshaltung gegenüber derartigen Gebäuden ist sehr speziell, und sie ziehen aufgrund ihres Charakters automatisch das Interesse der Öffentlichkeit an. Außerdem sieht man bei uns viele experimentelle Bautypen wie unterirdische Häuser oder Aussichtstürme nicht als Konzeptskizze, sondern als realisiertes Projekt. Es geht uns aber nicht darum, Highlights zu produzieren. Wir wollen einfach sehr gute Gebäude entwerfen und realisieren, die die Menschen wirklich genießen können. Das ist unsere Leidenschaft.

Eure Architektursprache kann auch als sehr provokativ interpretiert werden.
Ich denke schon, dass ein Gebäude auch Widerstand und Kritik hervorrufen darf, und nicht nur dienbar, komfortabel, effizient und wirtschaftlich sein muss. Diese Typen von generischen Gebäuden haben wir in den letzten Jahrzehnten oft genug gesehen. Und selbst wenn sie einfach zu realisieren erscheinen, werden sie durch ihre Benützer vielfach als charakterlose Hüllen angesehen. Ich denke, dass die emotionelle Seite von Gebäuden viel wichtiger ist als ihr wirtschaftlicher Wert.

Aber gerade die Niederländer besitzen das Image, sehr pragmatisch, rationell und wirtschaftlich zu denken und zu arbeiten.
Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Effizienz sind aber nicht alles. Ich bin auch davon überzeugt, dass da momentan in den Niederlanden vieles falsch läuft.

Wenn man auf eure Webseite geht, gewinnt man den Eindruck, dass ihr seit der Krise noch mehr zu tun habt als davor.
Architektur ist eine langsame Disziplin. Die Projekte, an denen wir momentan arbeiten, sind Projekte, mit denen wir schon vor der Krise begonnen haben. Aber auch wir sind durch die Krise schwer getroffen, weil nun schon seit geraumer Zeit keine neuen Aufträge mehr hereinkommen.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Architekt im Bauprozess?
Der Architekt ist die Person, die die integrale Geschichte eines Gebäudes kennt und versteht, wie alle Einzelteile gemacht gehören und zusammenpassen müssen. Darum finde ich es auch so wichtig, bis zur Schlüsselübergabe dabei zu sein. Ich habe oft miterlebt, dass in der Ausführung Fehler gemacht werden, vor allem in den letzten drei Monaten vor der Fertigstellung. Oft werden bei den Abschlussarbeiten die Anstrengungen mehrerer Jahre der intensiven Planung und Detaillierung kaputt gemacht. Für mich ist das wie beim Essen in einem Restaurant: Nur wenn alles vom Einkauf der Produkte bis zur sorgfältigen Präsentation der Speisen funktioniert, wird es dem Gast schmecken. In der Architektur ist es dasselbe, und der Architekt ist der Einzige, der das garantieren kann und muss.

Hat Ihrer Meinung nach der Architekt genug Macht, um in die Beschlussprozesse einzugreifen.
Nein, nicht immer. Aber ich muss als Architekt auch dazu bereit sein, Nein zu sagen, wenn ich sehe, dass das Projekt nicht gut wird. Genauso finde ich, dass ein guter Entwurf und gut gemachte Arbeit ihren Preis haben, den auch der Projektentwickler bereit sein muss zu zahlen.
Als Architekt muss man deutlich machen, was man will und wesentlich findet, und auch daran festhalten. Das verstehe ich unter gutem Bauen. Das ständige Verhandeln der Dinge führt meiner Erfahrung nach zu nichts, dann wird vom Architekten meist Kreativität in der Anpassung an die unterschiedlichsten Wünsche gefordert. Kreativität hat damit überhaupt nichts zu tun, das Wort bedeutet nichts für mich. Es geht um das Fällen von Entscheidungen und das Wissen, was man als Architekt will.

Der Architekt ist jene Person, die die integrale Geschichte eines Gebäudes kennt und versteht, wie alle Einzelteile gemacht gehören und zusammenpassen müssen.
 
Sollte der Architekt also auch Aufträge ablehnen? Das verlangt eine sehr mutige Haltung.
Das Risiko ist natürlich, einen Auftrag zu verlieren, auf der anderen Seite glaube ich, dass der Architekt diese Pflicht gegenüber der Gesellschaft, für die er letztlich baut, hat. Es ist auch wichtig zu wissen, wo die Grenze des Akzeptablen liegt. Von einem Bäcker oder einem Chirurgen erwarten wir auch, dass er eine perfekte und vollständige Arbeit macht. Warum verlangt man dann von Architekten, halbfertige Dinge zu akzeptieren?

Eure Projekte unterscheiden sich in deren Erscheinung sehr stark voneinander, und dennoch scheint mir die patchwork-artige Architektur, die Verwendung vieler verschiedener Materialien und Elemente sowie das gekonnte Spiel mit verschiedenen Ebenen ein roter Faden eurer Architektursprache zu sein.
Man darf sich nicht zu stark von der visuellen Form der Architektur beeinflussen lassen. Architektur ist etwas für alle Sinne. Es ist ganz entscheidend, Projekte auf allen Niveaus zu entwickeln, auf städtebaulichem Niveau, ihre Einbindung in die Natur, die Beziehung von innen nach außen, ihre Funktionalitäten etc. Nur so wird jede neue Planungsaufgabe zu neuen Lösung führen. Wir wollen den Entwurf so lange wie möglich offen und breit halten und uns nicht sofort in unseren Entscheidungen festlegen. Wir wollen uns nicht von vornherein auf eine bestimmte Formensprache oder Materialwahl festlegen, das finden wir nicht interessant.

In der Tat scheinen euren Projekten sehr viele verschiedene Ideen zugrunde zu liegen.
Ganz im Gegenteil: Bei der Villa Vals oder beim Kongresszentrum Favrholm in Hillerød in Dänemark reagieren wir in erster Linie auf die Topografie der Landschaft und die Bedingungen, die sie uns aufzwingt. Danach versuchen wir optimale und praktische Lösungen für die Randbedingungen zu finden. Daraus ergeben sich Höhenversprünge, die Materialwahl für die Fassade, die unterschiedlichen Fenstergrößen etc. Das hat nichts mit Kreativität zu tun, sondern einfach mit der intensiven Auseinandersetzung mit dem Projekt, dem langen Arbeiten und Suchen nach Lösungen, bis die Dinge zusammenpassen und ineinandergreifen. So entsteht ein Zuckerl wie die Villa Vals.

Das klingt sehr einfach.
Ja und nein. Diese sehr praktischen und funktionellen Überlegungen sprechen uns natürlich nicht von der Verpflichtung frei, dem Bauwerk eine gute und schöne Form zu geben. Wir versuchen durch unsere Architektur immer sowohl dem Gebäude als auch seiner unmittelbaren Umgebung einen Mehrwert hinzuzufügen.

Gibt es da noch so etwas wie ideologische Meister?
Das ist von den Projekten abhängig, für die wir gerade arbeiten. Außerdem muss man die Architekten immer klar in ihrem zeitlichen und örtlichen Kontext betrachten. Baragan finde ich sehr interessant, weil er es geschafft hat, mit geringen Mitteln maximale Effekte zu erzielen und diese immer sehr gut zu plazieren. Ich finde, dass er einen sehr demokratischen Ansatz in der Architektur hatte, der nicht erkennen lässt, ob ein Gebäude teuer oder billig ist. Ein Kloster hat denselben Stellenwert wie ein Rathaus oder eine Villa. Das finde ich interessant, weil das auch Lösungen aufzeigt. Ich finde es wichtig, dass man den Anspruch an qualitätsvolle Architektur an alle Gebäude, die die Gesellschaft benötigt, stellt und nicht allein an öffentliche und repräsentative Bauten.

Es geht uns nicht darum, Highlights zu produzieren. Wir wollen einfach sehr gute Gebäude entwerfen und realisieren, die die Menschen wirklich genießen können. Das ist unsere Leidenschaft.
 
Sie haben für viele Projekte im In- und Ausland mit anderen Architekturbüros wie OMA, JDS, oder Christian Müller zusammengearbeitet. Steckt da eine Philosophie dahinter? Machen Sie das aus einem bestimmten Grund?
Auch das tun wir aus sehr praktischen Gründen, um die Expertise von mehreren Büros zusammenzubringen. Die europäischen Ausschreibungen sind meist so komplex, dass man als einzelnes Architekturbüro allein kaum antreten kann. Aber wenn es möglich ist, machen wir Projekte auch selbst wie zum Beispiel das Konferenzzentum in Dänemark. Da hatten wir auch keinen lokalen Partner. Wir haben das gesamte Projekt von Amsterdam aus geleitet. Ich bin der Meinung, dass man das Team so kompakt wie möglich halten muss und allein die Personen involvieren soll, die das Projekt wirklich voranbringen.

Ist es auch eine ganz bewusste Wahl von Ihnen, in anderen Ländern und anderen Kulturen zu arbeiten?
Das hängt von den Projekten und der Auftragslage ab. Es geht uns primär darum, interessante Programme zu entwerfen. Wenn ich sehe, dass der niederländische Markt zu klein ist, dann versuche ich in anderen Ländern zu arbeiten, wobei es mir lieber ist, ein schönes Projekt in Amsterdam zu bauen als ein schlechtes in New York. Im Sinne des nachhaltigen, ökologischen Bauens ist es natürlich besser, im Umkreis von Amsterdam zu arbeiten, im Ausland versuchen wir dann mehrere Projekte zu kombinieren, um die Reisen noch effizienter zu machen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie, woher kommt Ihr persönliches Engagement dafür?
Nachhaltigkeit hat in erster Linie mit dem Treffen von intelligenten Entscheidungen zu tun. Wenn man versucht, Geld zu sparen, dann muss man automatisch nachhaltig denken, das heißt, Produkte kaufen oder Dinge bauen, die lange Lebensdauer und hohe Qualität haben, die wenig Wartung benötigen, die wenig Energie verbrauchen oder die man auch selbst reparieren kann. Es hat sehr stark mit bewusstem Leben zu tun.

Das versuchen Sie auch in Ihrer Architektur umzusetzen?
Wir haben schon vor zwanzig Jahren damit begonnen, Projekte in einer integralen und nachhaltigen Weise im Sinne der sozialen Kohäsion zu entwerfen. Die Durchmischung von Miet- und Eigentumswohnungen, Wohnensembles, die dazu animieren, das Auto nicht zu gebrauchen, Innenhöfe, Verbindungen zu Parkanlagen sind Elemente, die diese Diversität fördern. SeArch ist auch ein Büro für Landschafts- und Stadtplanung. Ich komme selbst aus einer Gegend in den Niederlanden, in der es viele Wälder gibt. Für mich war die Beziehung des Gebäudes zu seiner unmittelbaren Umgebung, zur Landschaft, in der es steht, immer essenziell. Wir versuchen, so weit es geht, die Landschaft ins Gebäude hineinzuholen.

Viele eurer Gebäude wie der Posbank-Teepavillon, der Aussichtsturm in Putten oder das Kongresszentrum in Dänemark stehen ja auch in einer fantastischen Umgebung.
Ja, hier versuchen wir, die Gebäude dazu zu nutzen, die Besucher auf die Natur aufmerksam zu machen, von der sie umgeben sind, auch was die verwendeten Materialien anbelangt. Ich bin sehr für nachhaltige Landschaften. Ich denke, dass man die noch bestehende Landschaft so wenig wie möglich verbauen darf. Und wenn man das tut, muss sie um vieles besser werden als zuvor. Für die Zukunft müssen wir echt etwas liefern, dass besser ist als das, was nun existiert.

FORUM – INTERVIEW – Claus en Kaan architecten, Rotterdam/NL



Kees Kaan © Hannes Ochmann


Die richtige Entscheidung


Nach Jahren erfolgreicher Praxis und der Realisierung einer Vielzahl von richtungsweisenden Gebäuden weiß Kees Kaan heute, dass man gute Architektur per se nicht entwerfen kann, sondern dass es in erster Linie entscheidend ist, mit diesem Anspruch vor Augen zu arbeiten. Gute Gebäude entstehen seiner Meinung nach durch konzentriertes Arbeiten und durch das permanente Treffen von (richtigen) Entscheidungen. Ob ein Gebäude als beispielhafte Architektur bewertet wird, erweist sich später.



Michael Koller im Gespräch mit Kees Kaan


Wenn sich die Lifttüren zu eurem Büro öffnen, fällt der erste Blick auf ein prächtiges Foto deines Segelschiffes mit seiner Bemannung. Wenn man danach die unterschiedlichen Büroräume betritt, wird die Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen fantastischen Ausblick über die Maas und auf die Transportschiffe gezogen, die ununterbrochen stromauf und -abwärts fahren. Deine Verbindung zum Wasser und zu Schiffen ist offensichtlich sehr stark.

Segeln ist mein Hobby. Ich habe sehr früh zu segeln begonnen und betreibe es heute als Sport, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Es erfordert eine enorme Konzentration, wodurch man darin völlig aufgeht. Segeln kann man natürlich nicht direkt mit meiner Arbeit als Architekt vergleichen. Das Anziehende und Interessante dabei ist allerdings, dass man es mit einer ähnlichen Komplexität zu tun hat wie bei einem Entwurf, wo es sehr viele Randbedingungen und Parameter zu bedenken gibt. Gleichzeitig schafft es eine große Distanz zu allem, was mit Architektur und Stadt zu tun hat, wodurch ich mich mental völlig von meiner täglichen Arbeit als Architekt frei machen kann.


Immer wieder Abstand zu deiner täglichen Arbeit zu bekommen ist also wichtig für dich?

Für uns beide, also auch für Felix Claus, war es immer wichtig, einen sicheren Abstand zu unserem Beruf zu wahren, um nicht einem Selbstverwirklichungsdrang zu verfallen. Ich denke, dass man durch den Abstand die generischen Qualitäten der Dinge findet. Und es hilft auch bei der Zusammenarbeit, auf die unsere Arbeitsphilosophie aufbaut. Wir haben aber nicht nur innerhalb unseres Büros das Zusammenarbeiten angestrebt, sondern auch außerhalb, was vor allem für die Arbeit des Architekten so wichtig ist. Das sind Qualitäten, die mir nun zugute kommen, vor allem bei Projekten in unterschiedlichen Planungskulturen.


Architektur war eigentlich deine zweite Wahl.

Die Berufswahl hat natürlich mit persönlichen Referenzen zu tun. Meine Referenz waren nicht große Städte, sondern die Landschaft von Zeeland, einer Region im Südwesten der Niederlande, die durch ihr ausgedehntes Delta mit Dämmen und Deichen geprägt ist. Ich war sehr früh von diesen ingenieursmäßigen Konstruktionen fasziniert und wollte bei der Konstruktion solcher Ingenieurlandschaften mitmachen. Also schon bauen, aber eher das Bauen von Infrastruktur. An der Universität fand ich die Arbeitsmethoden und die Inhalte des Architekturstudiums dann aber doch interessanter und wechselte deshalb von den Bauingenieuren zu den Architekten.


Die neueste Publikation eurer Arbeiten trägt den Titel „Der Ideale Standard”. Standard wird sehr oft negativ gesehen.

Standard sehe ich hier als Maßstab, als Richtlinie, als etwas, was bereits ein hohes qualitatives und funktionelles Niveau besitzt. Es beschreibt etwas, das so gut und universell einsetzbar ist, dass es zu einem Standard werden kann, weil es die Qualitäten besitzt, die einen Standard per se ausmachen.


Ein Beispiel?

Nehmen wir als Beispiel den Anzug: Bei der morgentlichen Auswahl der Kleidung kann man etwas anziehen, das auf eine sehr spezifische Gelegenheit zugeschnitten ist. Der Anzug hingegen ist beinahe ein Ideal, weil er bei unterschiedlichsten Gelegenheiten gleichermaßen passt: bei der täglichen Arbeit, bei repräsentativen Gelegenheiten oder beim Unterrichten. Er ist immer komplett, korrekt, schön, komfortabel und gleichzeitig aufgrund seiner Universalität ein Standard. Dadurch, dass der Anzug also an sich schon ein ideales Kleidungsstück ist, kann man beginnen, über seine Perfektionierung nachzudenken.


Und wie kann man das nun in der Architektur verstehen?

Die Erreichung eines idealen architektonischen Standards ist definitiv nicht das Motiv oder die Motivation unserer Arbeit. Das wäre eine völlige Fehlinterpretation.


Wir arbeiten heute in einem Planungskontext, der durch eine unsichere politische Machtbeständigkeit und der daraus resultierenden kurzen Entwurfszeitspannen gekennzeichnet ist. Darauf können wir entweder mit spezifischen, auf den Moment zugeschnittenen Lösungen antworten oder mit allgemeineren Antworten, also mit Gebäuden, die einen eigenständigen Charakter besitzen, die ihre Bedeutung durch ihren Gebrauch und ihrer Funktion innerhalb der Stadt erlangen. Solche Gebäude sind von den alltäglichen Unsicherheiten befreit.


Ein Gebäude kann sich unserer Meinung nach von den programmatischen Anforderungen, aus denen es ursprünglich entstanden ist, befreien und zu einer Matrize werden. „Idealer Standard“ ist also der Wert, der die konkreten und alltäglichen Anforderungen und Wünsche des Auftraggebers noch übersteigt. Man könnte auch sagen, dass sich das Gebäude vom Geist seines Schöpfers befreit.

Der Entwurfsprozeß beteht im Suchen nach den allgemeinen Werten und dem Ausschließen von Willkür und persönlichen Vorlieben. Je bewußter man dieses Auswählen betreibt, desto stärker wird das Bild eines Gebäudes.


Das Schwierigste als Entwerfer ist demnach, zwischen all den verschiedenen Möglichkeiten die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der Entwurfsprozess besteht im Suchen nach den allgemeinen Werten und dem Ausschließen von Willkür und persönlichen Vorlieben. Je bewusster man dieses Auswählen betreibt, desto stärker wird das Bild eines Gebäudes. Aber wie radikal man sich an die Aufgabe begibt, ist eine Entscheidung, die bei jedem Auftrag neu abgewogen werden muss. Manchmal ist auch Willkür angemessen. Jedes Projekt besitzt einige Hauptelemente und prioritäre Aspekte, und um diese wird das Gebäude entwickelt. Das kann eine bestimmte Materialwahl sein, eine bestimmte räumliche Organisation oder ein Spiel mit dem Maßstab. Diese Hauptthemen werden zur Essenz und zur treibenden Kraft des Projekts und verleihen ihm seinen Charakter. Hat man das einmal definiert, entwickelt sich das Projekt kontinuierlich weiter, ohne dass der Architekt viel daran tun muss. Die Arbeit des Architekten ist primär, Hierarchien zwischen wichtigen Elementen aufzustellen und demgemäß den Entwurf zu entwickeln.


Das heißt, je weniger Themen es gibt, desto kraftvoller wird die Ausstrahlung eines Gebäudes?

Ein Entwurf entsteht nicht von selbst. Wenn es für einen Entwurf dutzende Randbedingungen und Voraussetzungen gibt, die man versucht, alle hineinzupacken, so wie in einem Puzzle, dann kommt bei dem Entwurf nichts heraus. Das Entscheidende ist zuerst, eine Grundhaltung gegenüber der Planungsaufgabe einzunehmen.
Die Kombination zwischen der Grundhaltung des Architekten und der Wahl der prioritären Randbedingungen bringt das Projekt Schritt für Schritt voran, bis das Gebäude fertig ist. So zu arbeiten und unser Fach nicht für unseren eigenen Ruhm und unsere Glorie zu missbrauchen, sind Teil unserer persönlichen Haltung und gehören zu den wichtigsten Entscheidungen, die wir als Architekten zu treffen haben.


International hat man in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder Vergleiche mit den niederländischen Architekten gezogen. Was ist deiner Meinung nach so herausragend an ihnen?

In den Niederlanden gibt es eine lange Planungstradition, in der die Architekten sehr stark in die Entwicklung von Stadtbauplänen, von Infrastruktur-, von Landschaftsplanung etc. involviert sind. Die Kompetenzen des Architekten waren sehr gefragt, eben auch, weil Architektur als etwas gesehen wird, das für die Gesellschaft sehr wesentlich ist, und vom Staat Planung und Architektur dazu benutzt werden, um sich selbst sichtbar zu machen.


Hat es deiner Erfahrung nach Verschiebungen in den Aufgabenbereichen des Architekten gegeben? 

Ich denke, dass es eine klare Verschiebung der Bedeutung der einzelnen Phasen innerhalb des Bauprozesses gibt vor allem in Richtung Entwurfsphase. Wir werden als Architekten immer mehr bei der Umsetzung von anderen Bauaufgaben, namentlich Infrastrukturprojekten, hinzugezogen und sind viel stärker im Vorfeld des eigentlichen Planungsprozesses gefragt.


Aber worin besteht da die Aufgaben des Architekten?

Einerseits kann da der Architekt als Entwickler von Initiativen und Ideen seinen Beitrag leisten. Andererseits kann er durch das Darstellen von Szenarien und Konsequenzen, sei das nun in städtebaulicher Hinsicht oder beim Bau eines Gebäudekomplexes, die Gespräche der betroffenen Planungsparteien vorantreiben und effizienter machen. Er kann durch das Erstellen von Entwicklungsmodellen das sonst nicht Greifbare sichtbar machen und die Suche nach Kompromissen zwischen den Parteien erleichtern. Gerade Stadtentwicklungsprojekte sind so komplex, dass die Planungsinstanzen und Entscheidungsträger Werkzeuge benötigen, um ihre Anliegen zu kommunizieren, und da sind Architekten sehr wichtig und können viel dazu beitragen. Das geht zum Teil so weit, dass die Darstellungen Teile der Projektverträge werden.
Wir Architekten arbeiten heute in einem Planungskontext, der durch eine unsichere politische Machtbeständigkeit und der daraus resultierenden kurzen Entwurfszeitspannen gekennzeichnet ist.

Auf der anderen Seite gibt es viele niederländische Architekten, die wieder stärker beim Bau selbst involviert sein wollen.

Der Architekt spielt am anderen Ende des Bauprozesses, an der Umsetzung und Ausführung, eine andere Rolle. Er ist nicht marginalisiert worden, aber seine Rolle hat sich verändert, weil sich der Bauplatz selbst zu einem Ort des Zusammensetzens von andernorts produzierten Einzelteilen entwickelt. Das heißt, der Architekt ist in der Ingenieursphase sehr wichtig, in der Vorbereitungs- und Produktionsphase, weil er vor Ort die Dinge nicht mehr verändern kann.


Worin besteht für dich der Reiz und die Motivation, auf europäischem Niveau zu arbeiten?

Unsere Arbeitshaltung ist auf die Verpflichtung unseren Arbeitgebern gegenüber und dem Engagement am Projekt aufgebaut. Wir wollen nicht, dass das etwas Abstraktes bleibt und versuchen daher immer die Projektentwicklung so genau wie nur möglich mitzuverfolgen. Das, aber auch die Projektentwicklung selbst, benötigt viel Zeit, und diese Zeit hat man bei der Arbeit in Europa noch. Zusätzlich gibt es für mich da eine kulturelle und ideologische Motivation: Wenn wir schon täglich über Europa sprechen, dann sollten wir uns auch als Europäer verhalten und versuchen, in Deutschland, Spanien, Italien etc. Projekte zu realisieren, auch um tief in diese Baukulturen einzutauchen.


Claus en Kaan ist aufgrund seiner Mitarbeiterstruktur ja schon ein europäisches Büro, wie kommt das?

Wenn man als niederländisches Büro die Möglichkeit hat im eigenen Land viel zu bauen, erfüllt man meist die Voraussetzungen, um an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Außerdem hat der niederländische Bauboom seit den 1990er-Jahren sehr viele internationale Architekten angezogen, die in großen Büros wie dem unsrigen gearbeitet haben und über die wir dann wieder die Kontakte ins Ausland knüpfen. Diese internationale Orientierung ist also für mich etwas sehr Normales und nichts Außergewöhnliches, vielleicht einfach auch deswegen, weil es schon immer Teil der niederländischen Kultur war. Für mich ist es auch eine logische Konsequenz der Entwicklungen und Veränderungen unserer Gesellschaft.


Ihr habt bereits eine unglaubliche Vielzahl unterschiedlichster Gebäudetypen realisiert. Welche zukünftigen Herausforderungen siehst du da noch für dich?

Programmatisch gesehen interessieren mich aufgrund ihres öffentlichen Charakters vor allem Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Bahnhöfe, also Gebäude, in denen der öffentliche Raum Teil des Gebäudes ist. Daneben liegt mir die Arbeit auf internationalem Niveau sehr am Herzen, das ist ein Bereich, in den ich noch weiter investieren will. Das ist uns zum Teil bereits in Spanien und Frankreich geglückt, steckt aber trotzdem noch ein bisschen in den Kinderschuhen.


Willst du da eher auf architektonischem oder städtebaulichem Niveau arbeiten?

Mit El Prat in Barcelona haben wir nun ein sehr großes Städtebauprojekt, das wir gewonnen haben und an dem wir nun arbeiten. Ich denke, dass die Niederlande noch mehr für die Städtebauplanung bekannt sind als für die Architektur und dass es da eine echte Chance gibt, auch verstärkt im Ausland zu arbeiten.



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